Theologie

„Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus lebt in mir“ (Gal 2,20): Wenn ich das ernstnehme, ist die Eucharistie, die Messe und vor allem die Kommunion, das Wichtigste in meinem Leben. Lebt Christus in mir und ist das allerheiligste Sakrament – Sein Leib und Sein Blut – die Nahrung, die mich in Ihn verwandelt, dann gibt es nichts, was wichtiger sein könnte.

Auch wenn alles andere im Leben drunter und drüber geht, Er ist für mich da. Natürlich nicht nur im Kommunionempfang, nicht nur in der Messe, aber dort in ganz besonderer Weise.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) hat einmal die Kommunion in der Messe mit dem Sex in der Ehe verglichen (Geist der Liturgie, 2000, S. 122). Und dieser Vergleich ist nicht so abwegig, wie er auf den ersten Moment wirkt. In beiden Fällen kommt es zu einer Vereinigung, in beiden Fällen ist sie Kommunikation (sich näher, inniger und intimer kennenlernen), in beiden Fällen handelt es sich um einen ausnahmsweisen Höhepunkt, der den (gemeinsamen!) Alltag durchbricht und ihn zugleich erst möglich macht. Auch bei den Emmausjüngern wird die biblische Terminologie geschlechtlicher Vereinigung gebraucht: „… und sie erkannten Ihn“ (Lk 24,31).

Entsprechend ist es sicherlich kein Zufall, daß der Zeitpunkt der Kommunion am Ende der Messe ist, kurz bevor es zurück in den Alltag geht. Noch viel weniger Zufall ist es aber, daß diesem Zeipunkt eine ganze Menge vorausgeht. Es geht nicht um einen „Quicky“: mal eben den Keks abholen, dann habe ich wieder Energie für den Tag – völlig falsche Baustelle. Es geht vielmehr um eine Vorbereitung des Höhepunkts – und dessen Qualität ist um so höher, je höher die Qualität der Vorbereitung war.

Diese Vorbereitung besteht vor allem (wenn auch nicht nur) in der Liturgie der Meßfeier, die – um im Bild zu bleiben – gewissermaßen das Vorspiel darstellt. Im Bußakt nähern wir uns dem, der sich uns völlig unverdienterweise zuwendet, weil Er uns liebt (und wie ähnlich ist das immer wieder in der Ehe!), im Wortgottesdienst erzählt Er uns von sich (und wer interessierte sich nicht dafür, wie der Tag seines Geliebten war?!) und das Hochgebet ist der Beginn der unmittelbaren Vereinigung. Wie die Kommunion dann in uns wirken kann, ist vollkommen abhängig davon, wie sehr die ganze Mitfeier der heiligen Messe von Liebe geprägt war – also davon, auf den anderen zu achten, Ihn anzunehmen und Ihm so gut es geht gerecht zu werden.

Liturgie ist insofern zweckfrei. Wie wir sie feiern, ist Ausdruck unserer Liebe zu Christus. Wie in der Ehe besteht aber auch in der Liturgie immer die Gefahr, daß wir unsere Eigenliebe über die Liebe zum anderen stellen, selbst wenn wir wissen, daß wir am meisten Liebe erfahren, wenn wir den anderen um seiner selbst willen lieben. Daher braucht die Liturgie Regeln, um uns vor dem größten Selbstbetrug zu schützen.

Außerdem feiern wir die Messe in der Regel in einer großen (oder wenigstens etwas größeren) Gemeinschaft. Wir können nicht alleine unsere Wünsche und Hoffnungen in den Vordergund stellen, und alle anderen sind dann nolens volens quasi Gefangene unserer eigenen Christusbeziehung. Oder schlimmer: Unserer eigenen Selbstvergottung, dann wird Liturgie zur Selbstbefriedigung, was ziemlich eklig ist, wenn man zugucken muß.

Auch deshalb braucht es Regeln, damit jeder zu seinem Recht kommt. Gerechtigkeit ist genau das: jedem das zu geben, was er braucht und ihm zukommt. Natürlich bleibt auch in der liturgischen Gestaltung die Schwierigkeit, unsere menschliche Begrenztheit und unser unbegrenztes Verlangen miteinander zu vereinbaren. Erst im Himmel wird die Liturgie perfekt sein, denn dann werden wir Ihn sehen, wie Er ist.

Bis dahin ist aber der wesentliche Punkt in der Liturgie, daß wir sie aus und in Liebe zu Christus feiern. Je mehr jeder einzelne Mitfeiernde in Liebe zu Christus entbrannt ist, umso besser kann jeder einzelne – selbst, oder vielleicht eher gerade der „religiöse Spezialist“ – Ihn in und durch die Liturgie erfahren.

Leider entspricht die Realität nicht dieser Vision. Vielleicht erscheint uns deshalb Ratzingers Vergleich so abstrus. Liturgie fühlt sich nicht wie ein heiliges Spiel, gar ein heiliges Liebesspiel an, und die Kommunion ist für viele wohl doch nur ein Gemeinschaftserlebnis, keine Gotteserfahrung.

Das Grundübel daran und dahinter dürfte aber sein, daß die Liturgie vielfach nicht aus Liebe, sondern aus Pflicht gefeiert wird, auch durch die Zelebranten. Und wenn ich etwas aus Pflicht tue, also aus extrinsischer Motivation, nicht aus intrinsischer, dann bin ich auch nicht damit zufrieden, wie es getan wird. Dann suche ich mir Punkte, wo ich mir die Pflicht erleichtern kann, wo ich mir spannender erscheinende Elemente einbauen oder erweitern kann und wie ich mir insgesamt die langweilige Stunde am Sonntagvormittag angenehmer gestalten kann.

Hier beginnt für den, der die Liturgie aus Liebe zu Christus feiern will – sei er Konvertit oder Bekloppter, jedenfalls ein seinem reinen Gewohnheits-Sonntag-Christentum Entronnener – , der Leidensweg. Was zum Liebesspiel werden sollte, ist plötzich die Via dolorosa. Auch eine wichtige und in ihrer eigenen Weise wertvolle und gute Christusbegegnung. Aber völlig deplaziert in der Messe. Du bereitest Dich auf ein gut einstündiges Liebesspiel vor — und plötzlich holt jemand die Geißel heraus.

Diese Geißel kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Manchmal hat sie bloß die Form einer Gitarre, auf der nichtssagende, oberflächliche, jedenfalls keineswegs zum Ausdruck der Liebe zu Christus geeignete Lieber geklampft werden. Manchmal ist es ein bis zum Erbrechen ausgeweiteter Gabengang oder wortreiche Fürbitten auf dem Niveau von „Lieber Gott, bitte mach, daß unsere Urlaubsfotos gelingen“. In schlimmeren Fällen erkennt man die Messe nicht mehr wieder. So ist mir mal eine anderthalbstündige Katechese mit liturgischen Einsprengseln untergekommen, in der wohl kaum eine handvoll Leute in der fast vollbesetzten Kirche wußten, wo in der Messe wir gerade sind (die völlig verwirrten und verunsicherten Ministranten, von denen sich im Anschluß ein paar weigerten, bei dem Priester nochmal zu ministrieren, gehörten ganz offensichtlich nicht zu dieser Gruppe).

Nichts von alledem läßt die Welt untergehen, denn trotz allem ist Christus unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig. Aber die Vorbereitung war jäh durchbrochen, als ob man sich gerade ins Schlafzimmer zurückgezogen hat und plötzlich die Türklingel geht: Selbst wenn man sie ignorieren kann und der Klingelnde es nach dem ersten Versuch gleich wieder aufgibt, man kann nie wieder da weitermachen, wo man gerade aufgehört hat. Auch kommt man nie wieder in die Sichherheit und das Vertrauen herein, die und das nötig ist, um sich fallen zu lassen.

Alltäglicher ist aber die rite und recte, doch lieblos gefeierte Messe. Liebe drückt sich zwar auch, aber nicht so sehr in den Dingen aus, die ich tue, sondern in der Art und Weise, mit der ich sie tue – nämlich mit (wieviel) Liebe. Wenn ich eigentlich keinen Bock auf die Messe habe, dann werden ihre Riten ganz schnell zum bloß mechanischen Ablauf, der keinerlei Inhalt mehr transportiert. Wenn ich dieselben Handlungen aber aus Liebe tue, fangen sie plötzlich an zu sprechen, gewinnt man kleine, scheinbar überflüssige Details lieb („Lieber Jesus, hörst Du, sie spielen unser Lied!“), und so wird die ganze Messe nach und nach sprechend, lebendig – und durchsichtig auf den Himmel: auf Christus.

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Manchmal ist es komisch. Selbst in der Vorbereitung des Blogoezesen-Blogs zum Jahr des Glaubens, als darüber diskutiert wurde, ob man sich bei Beiträgen denn unbedingt auf das Apostolische Glaubensbekenntnis beschränken müßte, kam in den vielen genannten alternativen Glaubensbekenntnissen eines nicht vor – das übrigens auch im Denzinger-Hünermann fehlt: „Das Credo des Gottesvolkes“ von Paul VI. Auch 11 Jahre an deutschen katholisch-theologischen Fakultäten hatten mich nicht mit ihm in Kontakt gebracht (anders dann die amerikanisch-katholische Bloggerszene).

In diesem Credo des Gottesvolkes steht etwas ganz klar und deutlich drin, das in der deutschsprachigen Theologie und Kirche ganz klar und deutlich nicht gelehrt wird, wofür ich Jahre des Studiums gebraucht habe, um darauf zu kommen, daß das die einzig sinnvolle und widerspruchsfreie Interpretation der entsprechenden Aussagen von Lumen Gentium ist, eine Erkenntnis, für die ich sogar z.T. massiv angekeilt wurde:

Wir glauben, daß die von Christus gegründete Kirche, für die Er gebetet hat, unfehlbar eine ist: im Glauben, im Kult und in der hierarchischen Gemeinsamkeit.

Die Identifikation der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche mit der römisch-katholischen Kirche samt der mit ihr unierten Kirchen, d.h. die Lehre, daß die Kirche tatsächlich real und realistisch eine ist, nämlich durch die Einheit in Glauben, Liturgie und vor allem Hierarchie auch äußerlich als eine erkennbar ist, wird regelmäßig und reflexartig mit Verweis auf das „subsistit in“ in Lumen Gentium 8 bestritten: Zwar bedeute „subsistit in“ grammatikalisch vielleicht tatsächlich nichts anderes als „est“, jedoch müsse die Konzilsdebatte in Betracht gezogen werden, nach der sich das „subsistit in“ gerade als Änderung eines „est“ in der Textvorlage durch die Konzilsväter entpuppt. Mithin könne das „subsistit in“ nicht dasselbe wie „est“ bedeuten. Was es aber bedeutet, das sei sehr schwierig zu sagen, eigentlich ließe es sich nicht übersetzen, man bleibe besser beim lateinischen Fachterminus, da könne man nichts falsch machen.

Nochmal für die Nicht-Lateiner übersetzt:

  • Lumen Gentium ist das Konzilsdokument über die Kirche.
  • Dort steht, daß die Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen, in der römisch-katholischen Kirche „subsistiert“.
  • „Subsistieren“ müßte (und wird, wenn überhaupt) als „besteht in“ oder „ist verwirklicht in“ übersetzt werden.
  • D.h. der Konzilstext besagt, die im Credo bekannte Kirche ist in der katholischen Kirche verwirklicht.
  • Das wäre an sich eine klare Aussage, die da heißt: Die katholische Kirche ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.
  • Aber: Die Konzilsväter haben gerade das „ist“ gestrichen und stattdessen das „subsistieren“ gewählt, also könne es nicht dasselbe meinen wie das „ist“.
  • Was es aber tatsächlich meine, das könne man so klar nicht sagen, das müsse man aus dem Kontext erschließen.
  • In diesem Kontext ist eben von verschiedenen kirchlichen Elementen bei den getrennten Christen die Rede, und diese Elemente seien gerade echte kirchliche Elemente der Heiligung, auch wenn sie außerhalb der katholischen Kirche existieren.
  • Mithin könne eine Identifikation der Kirche mit der Kirche nicht sein, weil es außerhalb der Kirche Kirche gäbe.

Ok, der letze Satz war polemisch; nochmal richtig:

    Mithin könne eine Identifikation der katholischen Kirche mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche nicht sein, weil es außerhalb der katholischen Kirche eine, heilige, katholische und apostolische Kirche gäbe.

Äh, Moment, dieser Satz ergibt keinen Sinn. Nochmal sinnvoller:

    Mithin könne eine Identifikation der Papst-Kirche mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche nicht sein, weil es außerhalb der Papst-Kirche Elemente der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche gäbe.

Ob der Satz jetzt wirklich sinnvoller geworden ist, weiß ich ja nicht. Aber lassen wir nochmal Paul VI. zu Wort kommen im Credo des Gottesvolkes:

Wir anerkennen das Vorhandensein zahlreicher Elemente der Wahrheit und Heiligung außerhalb der Gemeinschaft der Kirche Christi, welche eigentlich ihr zugehören und auf die katholische Einheit hindrängen.

Uuuuups. Das ist ziemlich eindeutig: Ja, es gibt Elemente der Wahrheit und Heiligung außerhalb der „Papst-Kirche“, die hier eindeutig mit der Kirche Christi identifiziert wird. Diese Elemente sind aber eigentlich Teile der „Papst-Kirche“ und wollen eigentlich auch äußerlich zu ihr gehören, sind aber tatsächlich real und realistisch von der einen Kirche Christi getrennt![1]

Da schließt sich der Kreis: In Deutschland wird einem erzählt, die Kirche und die Kirche seien nicht miteinander identisch, und in Deutschland ist das Credo des Gottesvolkes, das überall sonst als hilfreiche Auslegung und Orientierung zu den Konzilsbeschlüssen aufgegriffen wurde, praktisch unbekannt.

Trotzdem: Das Argument, die Konzilsväter hätten sich bewußt gegen das „est“ für das „subsistit in“ entschieden, läßt sich eigentlich nicht so leicht vom Tisch wischen. Das „subsistieren“ muß eine vom „ist“ abweichende Nuance und Bedeutung haben, die aber zugleich ganz offensichtlich nichts von der realistischen Interpretation der Einheit der Kirche auch und gerade in der Leitung wegnimmt.

Damit sind wir beim Kern der Sache. Denn „subsistit in“ ist keineswegs im II. Vaticanum erstmals in den theologischen Sprachgebrauch eingedrungen. Ganz im Gegenteil! Es ist ein Begriff, der in der lateinischen Trinitätstheologie zentrale Bedeutung hat: Die drei göttlichen Personen werden hier als „subsistente Relationen“ verstanden. D.h. die Beziehungen der drei Personen zueinander sind, anders als bei den nicht-göttlichen Personen keine Akzidenzien, d.h. Eigenschaften, die sich ändern können, sondern wesenhaft, sie bilden diese Personen, sind personbegründend. Der Sohn existiert also nicht erst an und für sich und steht dann noch in Beziehung mit dem Vater und dem Heiligen Geist, sondern er ist nur, weil und soweit er in Beziehung mit dem Vater und dem Heiligen Geist steht. Diese Beziehungen zueinander sind die einzigen Unterschiede, die es zwischen den Personen Gottes gibt, alles andere ist ihnen allen dreien unterschiedslos gemeinsam.

Erstmals verwendet Tertullian „subsistentia“ als lateinische Übersetzung des griechischen „Hypostase“ (also im zweiten/dritten Jahrhundert!), was wir im Deutschen meist mit „Wesen“ oder „Natur“ wiedergeben, und zwar im Gegensatz zu „persona“ (= gr. „Ousia“ = dt. „Person“)[2]: Gott subsistiert in den drei göttlichen Personen.

Aber: Tatsächlich läßt sich der Satz nicht umdrehen! Gott subsistiert in den drei göttlichen Personen, aber die drei göttlichen Personen subsistieren nicht (jede für sich) in Gott, sondern die drei göttlichen Personen ist (zusammen, als Einheit!) die göttliche Natur (vgl. hier)!

Somit besagt also das „subsistit in“ im Gegensatz zum „ist“ eine einseitige, nicht-gegenseitige Identifikation: Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, aber der Vater ist nicht ohne den Sohn und den Heiligen Geist Gott, sondern gerade in seiner Verwiesenheit auf den Sohn und den Heiligen Geist. So sehr jeder Person die ganze göttliche Natur zukommt, ist sie doch aber nur insofern Gott, als sie wesenhaft auf die anderen beiden Personen verwiesen ist.

Das „subsistit in“ bezeichnet bei Tertullian entsprechend genau die Untrennbarkeit der drei Personen vom Wesen Gottes: Wenngleich zwischen den drei Personen ein realer Unterschied besteht (der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Heilige Geist und der Heilige Geist ist nicht der Vater usw.), gibt es den Vater nicht ohne den Sohn und nicht ohne den Heiligen Geist (usw.), sondern es ist vielmehr das Wesen Gottes, in drei Personen zu bestehen. Zwischen dem Wesen und den drei Personen gibt es also einen realen Unterschied, der aber nicht ontologisch, d.h. dem Sein nach ist; ihr Sein (Gottes) haben (eigentlich: sind!) sie immer nur zusammen.

Formalisiert kann man das wohl so ausdrücken:

    x subsistiert in y bedeutet,
  • x „west“ in y,
  • d.h. y gehört wesenhaft zu x,
  • ja mehr noch: y ist das Wesen von x, auch wenn das Wesen von x sich nicht zwangsläufig in y erschöpft.
  • Was aber in x über y hinausgeht, muß ebenfalls subsistent, also wesenhaft sein,
  • kann also von x nicht in derselben Hinsicht wie y ausgesagt werden (was einen kontradiktorischen Widerspruch ergäbe).

Auf die Konzilsaussage übertragen bedeutet das:

  • die im Glaubensbekenntnis bekannte Kirche subsistiert in der vom Papst geleiteten Kirche
  • = die im Glaubensbekenntnis bekannte Kirche „west“ in der vom Papst geleiteten Kirche
  • = die vom Papst geleitete Kirche gehört wesenhaft zur im Glaubensbekenntnis bekannten Kirche.

Im Gegensatz zum „est“ bedeutet das keine gegenseitige Identifikation. Die vom Papst geleitete, äußerlich verfaßte Kirche gehört zwar wesenhaft zur im Glaubensbekenntnis bekannten Kirche. Letztere erschöpft sich aber nicht in der „Papst-Kirche“.

Soweit der Konsens. Entscheidend ist aber, und hier endet der Konsens, daß ich aus dem Subsitieren nicht ableiten kann, daß die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften genauso zu der einen Kirche Christi gehörten. An dieser Stelle wäre nicht nur der Begriff der Einheit überstrapaziert (und rein vergeistigt), sondern auch das „subsistit in“. Denn ich müßte angeben können, wie die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wesenhaft zur einen Kirche Christi gehörten, ohne daß dabei ein kontradiktorischer Widerspruch entsteht, weil die Aussage, sie gehörten der Kirche Christi an, in derselben Hinsicht auf die Kirche Christi ausgesagt würde wie von der Kirche in Gemeinschaft mit dem Papst. Es läßt sich aber keine Hinsicht finden, die nicht unmittelbar mit der Hierarchie, dem Glauben und/oder dem Kult verbunden wäre, also die Aussage des „subsistit in“ ad absurdum führte. Denn die eine Kirche subsitiert ja nach Lumen Gentium 8 gerade in der weltlichen Verfaßtheit der Hierarchie.

Nein, die einzige Aussagehinsicht, in der das „Subsistieren“ der einen Kirche in der Papst-Kirche sich vom „sie ist es“ unterscheiden kann, ist gerade die Hinsicht der innerweltlichen Verfaßtheit: Insofern die eine Kirche Christi innerweltlich existiert, ist sie identisch mit der durch Hierariche, Kult und Glaube äußerlich einen katholischen Kirche unter dem Past. Insofern sie aber außerweltlich existiert, das heißt insofern sie in den Heiligen bereits vollendet ist bzw. in den armen Seelen im Fegefeuer leidet, hat sie über die innerweltliche Verfaßtheit hinausgehende Elemente.

Das heißt: Wie es Gott nie anders als als Vater, Sohn und Heiligen Geist gibt, gibt es die Kirche nie anders als als streitende, leidende und triumphierende Kirche (zumindest diesseits der Wiederkunft, s.u.). Das Konzil hat sich jedoch in Lumen Gentium 8 nur über die Kirche, insoweit sie innerweltlich existiert und verfaßt ist, geäußert. Das „subsistit in“ meint somit tatsächlich etwas anderes als das „est“, macht aber gerade keinen Abstrich hinsichtlich der klaren äußerlichen Einheit der katholischen Kirche in der Welt, sondern berücksichtigt, daß die innerweltlich verfaßte (streitende) Kirche nicht die ganze Kirche ist. Gerade daraus ergibt sich der Gedanke, der sich immerhin auf niemand geringeren als Augustinus berufen kann, daß die triumphierende Kirche Mitglieder haben kann, die der weltlich verfaßten streitenden Kirche nie angehörten (und, was das Konzil hier unter den Tisch fallen läßt, weil es nicht in seiner Aussageabsicht steht: daß es auch äußerliche Mitglieder der verfaßten streitenden Kirche geben kann, die es nicht in die leidende oder triumphierende Kirche schaffen), und daß diese auch echte Elemente der Wahrheit und Heiligung zur Hilfe haben können. Gerade darin bestreiten die Konzilsväter aber, daß diese Christen in voller Gemeinschaft mit Christus und Seiner Kirche stehen.

Das „subsistit in“ nimmt also nichts von der Identifikation der Kirche Christi mit der Kirche von Rom, öffnet aber die Perspektive auf das überzeitliche Mysterium hin; das Mysterium aber dispensiert innerweltlich keineswegs von der Einheit mit dem Papst. Die weltlich verfaßte Kirche unter dem Papst ist in logischer Hinsicht, nämlich in der Hinsicht der Innerweltlichkeit bzw. innerweltlichen Verfaßtheit von der Kirche Christi zu unterscheiden, es gibt aber die eine Kirche Christi nicht ohne ihre innerweltliche Verfaßtheit, sondern ihre innerweltliche Ausdrucksform gehört zum Wesen der einen Kirche Christi, wie der Sohn untrennbar dem Wesen Gottes zugehört – mit dem einen Unterschied, daß der Sohn ewig, die weltlich verfaßte Kirche kontingent ist, das heißt, die eine Kirche Christi kann auch ohne Papst existieren, wenn die Voraussetzung „Innerweltlichkeit“ entfällt.

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[1] Wer jetzt einwenden möchte, Paul VI. sei ja auch in anderen Fragen von der Linie des Konzils abgewichen, etwa in Sachen Mariologie, der muß sich fragen lassen, ob er Konziliarist ist. Denn anders läßt sich ein Widerspruch zwischen Konzil und Papst nicht konstruieren, als daß der Papst unter dem Konzil steht. Das widerspricht aber so ziemlich allem, was die Kirche dazu festhält. Ich sage nur: Jurisdiktionsprimat und Can. 1404 CIC. (hoch)

[2] Es sei hier nur kurz angemerkt, daß „Hypostase“ und „Ousia“ ursprünglich Synonyme waren und die theologische Klärung gerade darin bestand, Begriffe zu finden bzw. so zu definieren, daß sie zum Ausdruck der theologischen Gedanken geeignet sind. Klare Begriffe sind also nicht unwichtig, sondern wesentliche Notwendigkeiten, um Gedanken klar auszudrücken. Und daß das heute gerade in der Pastoral nicht mehr so gesehen wird („Heiliges Brot“), ist eines unser großen Probleme bei der Glaubensweitergabe. (hoch)

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Einer kommt und will den brachliegenden Bau der Gottesstadt fortsetzen und die Mauer vollenden: die Kirche/eine Gemeinde aufbauen und befestigen. Dabei hat er die Unterstützung des Königs (Christus). Doch andere, Sanballat, Tobija und Geschem (weltlich gesinnte Menschen in der Gemeinde oder drumherum, jedenfalls solche, die nicht wirklich dem Volk angehören, aber Macht über es ausüben, wenngleich nicht im Einklang mit dem König, dem sie sehr wohl unterstehen), „verdroß [es] sehr, daß da ein Mann kam, der sich für das Wohl der Israeliten einsetzte“ (Nehemia 2,10).

Nehemia beginnt, die Mauer wieder zu errichten, die Spötter spotten – und machen das Werk verächtlich. Nehemia aber antwortet ihnen: „Der Gott des Himmels wird uns Erfolg verleihen. Wir, Seine Knechte, wollen ans Werk gehen und bauen. Ihr hingegen haben weder Anteil [an der Stadt] noch Anrecht [auf sie]; es gibt keine Erinnerung an euch in Jerusalem.“ (2,20) [Sehr interessant, daß er nicht auf die weltlich-königliche Unterstützung verweist, sondern direkt auf den Herrn – was die allegroische Auslegung stützt!]

Darauf motiviert Nehemia die Priester und Bewohner der Stadt (die, die wahrhaft zu Christus gehören) an der Befestigung der Stadt mitzuwirken – jeder an seinem Platz, da wo er wohnt. Trotz des andauernden Spotts der Feinde bauen sie so die Befestigung halb fertig.

Da beginnen die Feinde, den Aufbau von außen zu stören – doch der Herr sorgt dafür, daß die Störaktionen und Angriffe bekannt werden, bevor sie Schaden anrichten können. Nehemia stellt Wachen auf, und wer arbeitet, arbeitet mit dem Speer in der Hand und dem Schwert um die Hüfte (vgl. Eph 6!).

Doch dann kommt es zu Unfrieden in den eigenen Reihen. Die Ungerechtigkeiten innerhalb des Volkes fordern ihren Tribut. Um weiterbauen zu können, muß erst eine gerechte, dem Gebot Gottes entsprechende Ordnung hergestellt werden; die Zeit der Brache hat zuviel Unkraut sprießen lassen, auch bei den Bewohnern der Stadt. Nehemia verzichtet daher sogar auf den ihm zustehenden Unterhalt, d.h. um Gerechtigkeit herzustellen, muß jeder auf das verzichten, auf das er verzichten kann, obwohl es zu fordern nicht ungerecht wäre; aber nur so bekommen alle, was sie unbedingt brauchen.

Die Feinde versuchen nun Nehemia direkt auszuschalten – schlag den Hirten und du zerstreust die Herde. Nehemia geht jedoch nicht in ihre Falle. Sie bedrohen ihn sogar offen mit Anzeige beim König und setzen Gerüchte über ihn in die Welt. König dürfte hier weltlich verstanden sein, d.h. es ist an Anzeige beim Staat oder beim Bischof zu denken. Nehemia tritt dem offen entgegen und weist die Gerüchte als unwahr zurückt, d.h. die Gerüchte ans Licht zerren, dann zerfallen sie, da sie nur im Schatten gedeihen können. Selbst einen Bewohner Jerusalemes können sie für einen Anschlag auf Nehemia dingen. Er soll Nehemnia zu einer Sünde verleiten, die es ihnen ermöglicht hätte, Nehemias Ruf zu schädigen und sein Handeln unwirksam zu machen. Nehemia erkennt aber die Sündhaftigkeit des Vorgeschlagenen und riskiert lieber sein Leben als zu sündigen. So bewahrt ihn der Herr vor allen Bedrohungen, Angriffen und Verrätern, und Nehemia kann die Mauer vollenden. Erst danach, vor den Feinden geschützt, beginnt der innere Wiederaufbau der Stadt Gottes und Seines Volkes.

D.h. für den, der am Aufbau des Reiches Gottes mitwirken will, ist es wichtig, die Unterscheidung herbeizuführen, wer zum Volk Gottes gehört und wer nicht, und er muß das Volk Gottes vor den Feinden durch Bollwerke schützen. Diese geistliche Mauer wird wohl durchaus durch die Menschen hindurchgehen, niemand ist ganz Freund oder ganz Feind Gottes. Daher muß er vor allem darauf bedacht sein, Gerechtigkeit in der Gemeinde herzustellen, Angriffe als solche zu erkennen und zurückzuschlagen, Lügen offen entgegenzutreten sowie sich von aller Sünde fernhalten und auch in der Angst nicht unbedacht handeln.

Um das tun zu können, muß er im Auftrag des Herrn wirken, es muß ihm zuerst um das Reich Gottes gehen. Er muß selbst aus der Nähe des Königs kommen (Nehemia war dessen Mundschenk) und im Gebet und im Handelm Ihm verbunden bleiben. Es gibt aber noch eine Voraussetzung: den (im Kern) rechten Gottesdienst; ihn findet Nehemia bereits vor, er wurde schon im Buch Esra wiederhergestellt.

Gewissermaßen Fortsetung von dem hier und inspired by this.

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Nach dem etwas knappen Ende des letzten Posts muß ich wohl noch einen hinterherschieben, damit mir keiner Antijudaismus unterstellt.

In der christlichen Tradition wird schon das Alte Testament an den Stellen, die auf Jerusalem, Israel usw. verweisen auf den Neuen Bund hin gelesen, d.h. Jerusalem steht für das Neue Jerusalem, Israel für das neue Volk Gottes usw., also die Kirche.

Wenn es daher zum Abschluß der alttestamentlichen Lesungen in den Karmetten heißt: „Jerusalem, Jerusalem, bekehre Dich zum Herrn, deinem Gott“, dann ist das kein selbstgerechter Aufruf an die (sowieso nicht anwesenden) Juden, die doch endlich Christen werden sollten, sondern angesprochen sind – wie mit der ganzen Lesung! – die anwesenden Christen und die ganze Kirche, deren Liturgie es ja ist. Das Neue Jerusalem soll sich bekehren!

Und wenn in den (leider meist unterschlagenen) Improperien (Anklagen) während der Kreuzverehrung in der Karfreitagsliturgie im Anschluß an Micha 6 (v.a. 3f.) Gott Seinem Volk Vorwürfe macht, wieso es seinem Erlöser das Kreuz bereite, nach all dem Guten, das Er an ihnen getan hat, dann ist das an die versammelte Gemeinde gerichtet, die im Leben jedes einzelnen ihrer Mitglieder sich immer wieder der empfangenen Taufe unwürdig gezeigt hat. Unwillkürlich klingt mir Vers 9 von Ps 95 im Ohr, der jeden Morgen das Stundengebet eröffnet: „sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch mein Tun gesehen“; genau so ist es: Wir stellen Gott immer wieder durch unser mangelndes Vertrauen auf die Probe und wundern uns dann noch drüber, daß Er sich unserem Zugriff entzieht.

Genau deshalb bin ich bis heute nicht über die Stelle „wir haben keinen König außer dem Kaiser“ hinweg. Wenn die Hohenpriester in der Unbedachtheit einer angespannten Situation sich guten Glaubens selbst verfluchen und das Urteil sprechen können, ohne es zu merken – wie oft dann ich?

P.S.: Das spannendste an den Improperien ist eigentlich das „Hagios ho Theos etc.“. Denn das ist quasi die stammelnde „Antwort“ der Angeklagten auf die Vorwürfe: Du bist der Heilige Gottes, nur Du kannst uns retten, wohin sonst sollten wir gehen? (Joh 6,69)

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Einer der emotionalen Höhepunkte (wenn auch nicht unbedingt der reinsten Freude) ist die Lesung der Johannespassion in der Karfreitagsliturgie. Sicherlich gehören die vorausgehenden Lesungen aus Jesaja und dem Hebräerbrief dazu, diesen Höhepunkt aufzubauen. Und nicht zuletzt gehört die Kreuzverehrung als unsere Antwort auf die Passion zu diesem Gesamtkunstwerk, aber ich will mich hier mal auf die Passion selbst beschränken.

Sie ist schon als solche hammermäßig genug, aber was noch viel krasser ist, man kann sie nie oft genug gehört haben, man kann immer noch Neues entdecken. In den letzten Jahren sind mir zwei Stellen besonders ins Herz gesunken, zum einen die Stelle ganz am Anfang, wo die Häscher vor Ihm zurückweichen und zu Boden stürzen, zum anderen die Stelle, in der die Hohenpriester(!) antworten: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“

Jesus, der alles wusste, was mit Ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? Sie antworteten Ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen. Als Er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden. (Joh 18,4–6)

Ich kann mich erinneren, daß mir schon als Kind klar war, daß es nur einen Grund geben kann, warum die Häscher zurückweichen und zu Boden stürzen: die Würde Jesu, letztlich also ihre Anerkenntnis Seiner Göttlichkeit. Warum aber an dieser Stelle – sie wußten doch, wen sie festzunehmen auszogen – und warum sehen sie dann von der Verhaftung nicht ab?

Die Lösung dieser Fragen lag dort, wo ich sie nie erwartet hätte; in den scheinbar unbedeutenden Worten: „Ich bin es.“ Es gibt noch eine zweite Stelle, bei Mk, in der (fast) dasselbe Phänomen auftritt, nur ein wenig abgemildert durch die vorangehende Frage des Hohenpriesters, ob Er „der Messias, der Sohn des Hochgelobten“ sei und die fortgesetzte Rede Jesu: „Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Dafür ist noch deutlicher, welchen Anspruch Er erhebt, insofern der Hohepriester Seine Antwort ausdrücklich als offensichtliche Blasphemie verurteilt.

Alles hängt tatsächlich am „Ich bin es“. Daß es bei mir Jahre gedauert hat zu verstehen, warum genau dieser Satz die Göttlichkeit Jesu zum Ausdruck bringt, liegt an der (in diesem Punkt „§%U/!) Einheitsübersetzung, die keinen Hinweis darauf gibt, was Jesus hier zitiert, nämlich Ex 3,14, nichts geringeres als den peinlichst in der Aussprache vermiedenen Gottesnamen!

Die Einheitsübersetzung übersetzt Ex 3,14 (schlicht falsch!): „Ich bin der Ich-bin-Da“; in einer Zeitschrift des Katholischen Bibelwerks habe ich gestern sogar „Ich bin der Ich-bin-da-für-euch“ gelesen. Das ist einfach nicht das, was dasteht, das ist insofern eine schlicht falsche Übersetzung, als sie den schillernden, vielfältig deutbaren Namen Gottes auf eine einfache, allzu klar verständliche Aussage reduziert. Eigentlich steht nämlich (ungefähr, das hebräische JHWH ist tatsächlich nicht leicht zu übersetzen) da: „Ich bin, der ich bin.“

Mir hat es sich tief eingebrannt, als mein AT-Professor in einer Nebenbemerkung mal rantete, das sei eigentlich genau das Gegenteil dessen, was die EÜ draus macht, nämlich die Verweigerung eines Namens. Noch heute sagten Juden, wenn sie auf eine Frage, z.B. wohin sie gerade gehen würden, de facto mit „das geht dich einen feuchten Kehricht an“ antworten wollten: „Ich gehe dahin, wo ich hingehe.“ Insofern sei der Name JHWH als Nicht-Name zu verstehen, als Verweigerung, einen Namen zu nennen; was sich auch klar daraus ergibt, daß im orientalischen Weltbild die Kenntnis des Namens eines Gottes Verfügungsgewalt über ihn beinhaltete, und genau dieser Verfügungsgewalt entziehe sich Gott hier durch die Nicht-Nennung Seines Namens.

Später fiel es mir nochmal wie Schuppen von den Augen, als ich die klassische Interpretation des Gottesnamens, die aber sowas von 100%ig anschlußfähig an die griechische Philosophie ist, kennenlernte. Griechisch lautet die Stelle mit dem Gottesnamen nämlich: ἐγώ εἰμι ὁ ὤν, Ich bin der Seiende. Gott identifiziert sich hier also mit dem, der allein sein Sein aus sich selbst heraus hat, und das bildet die Grundlage jeglicher christlicher Philosophie bis zur Reformation.

All diese Mit-Bedeutungen des Gottesnamen unterschlägt die Einheitsübersetzung (selbst die Anmerkung zu Ex 3,14 ist eher verschleiernd!). Entscheidend für die Passion ist jedoch, wie der griechische Originaltext von Jesu Antwort lautet: ἐγώ εἰμι. Deshalb fallen die Häscher bestürzt zu Boden. Was an sich eben nichts anderes bedeutet als „Ich bin’s“, ist im Munde Jesu eine klare Anspielung auf den Gottesnamen, den er für sich selbst in Anspruch nimmt. Übrigens an x anderen Stellen, insbesondere, aber (s.o.) nicht nur bei Johannes (bei Johannes baut bereits der Prolog ganz entscheidend hierauf auf!).

Die Reaktion der Häscher entspricht daher in etwa der Jesajas in seiner Berufungsvision, es ist also die Reaktion des sündigen Menschen angesichts der Herrlichkeit Gottes. Sie drückt aus, daß Jesus Sein Leben freiwillig hingibt, die Verhaftung problemlos hätte verhindern können, und daß Gott – auch wenn uns jetzt ein Name unter dem Himmel gegeben ist – sich nach wie vor unserer Verfügbarkeit entzieht.

Die andere Stelle steht damit in gewisser Weise in Beziehung:

Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König! Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. (Joh 19,14f.)

Diese Stelle ist noch viel krasser, andererseits auch unauffälliger, weil fast nichts auf die hintergründige Bedeutung der Aussage hindeutet. Hier brauchte es die Inszenierung von Mel Gibson, um mir das Krasse an dieser Aussage bewußt werden zu lassen: Die Hohenpriester verleugnen hier nichts anderes als ihre grundlegende Daseinsberechtigung, das Königtum Gottes über Sein Volk. Wie Gott es selbst sagt in 1 Sam 8,6:

Nicht Dich haben sie verworfen, sondern Mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein.

Darüber bin ich bis heute noch nicht weg…

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Apropos Sacrum Triduum: Eigentlich ist das Sacrum Triduum sowas wie ein Festival. Ein cooles Festival, ja das coolste Festival des Jahres:

  • Es geht über drei Tage.
  • Es beginnt Donnerstag abend und endet am Sonntag.
  • Der abendliche/nächtliche Krach (z.B. Glockenläuten) geht den Nachbarn auf die Nerven.
  • Es gibt Headliner (Abendmahlsmesse, Karfreitagsliturgie, Osternacht, Osterhochamt).
  • Es gibt Vorbands (Karmetten, Ölbergstunde).
  • Es gibt ein Vorglühen (Fastenzeit, Palmsonntag, Kartage).
  • Es gibt ein Nachglühen (Ostervesper, Ostermontag, Osteroktav, Osterzeit, Pfingsten).
  • Es gibt „Show“-Elemente, die man nur hier erleben kann (special presentation: Kreuzverehrung, Verstummen der Orgel, Klappern, Osterfeuer, Exsultet…; wenn man Glück hat, sogar die Improperien.)
  • Schlaf ist fakultativ.
  • Hinterher braucht der Nicht-Mehr-Jugendliche die eine oder andere Woche Urlaub.

Besonders cool machen es aber die Unterschiede:

  • Die Festivallocation ist in angenehmer Entfernung, was das Campen überflüssig macht.
  • Es gibt keine Assis, die schon vor dem ersten Gig knülle besoffen in der Ecke liegen oder, noch schlimmer, nur da sind, um cool zu tun, aber nicht wegen der Musik, und nie ihr Camp verlassen.
  • Der absolute Festivalheadliner „spielt“ in der Nacht zu Sonntag je nach Tagesform zwei bis zweieinhalb Stunden oder (mit Erwachsenentaufen) auch länger.
  • Die Aftershow-Party (oder das Äquivalent zur „Metal-Disco“) dauert nicht nur bis in die frühen Morgenstunden (für die, die wollen: Ganznachtfeier der Mutter aller Vigilien bis zum Sonnenaufgang), sondern geht bis in den spätern Sonntagnachmittag (Ostervesper).
  • Emotionale Berg-und-Tal-Fahrt, wie sie keine andere Running Order hinkriegt.
  • Tagtägliches intimes Meet & Greet mit dem Festivalorganisator und -chef (für die, die auf dem Schlauch stehen: Kommunion).
  • Es ist nicht (nur) Show. Es ist wahr.

Further Reading: Die längste Messe der Welt

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Sacrum Triduum – Karfreitag

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Es ist Kardonnerstag. Ja, ich weiß, daß überall[tm] Gründonnerstag steht. Stimmt aber nicht (ganz).

Denn der Gründonnerstag gehört (liturgisch) bereits zum Karfreitag und bezeichnet seinen Vorabend. War mir lange auch nicht klar, und infolgedessen verstand ich nicht, warum das Sacrum triduum aus vier Tagen besteht. Tut es aber nicht, da der Gründonnerstag kein eigenständiger Tag, sondern „nur“ der Vorabend von Karfreitag ist.

Klar wurde mir das erst durch das Stundenbuch. Das trennt nämlich zwischen der Non des Donnerstags der Karwoche und der Vesper von Gründonnerstag. Und diese Trennung besteht vor allem in der Überschrift „Die drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn“:

  1. Leiden: Karfreitag
  2. Tod: Karsamstag
  3. Auferstehung: Ostersonntag

Direkt nach dieser Überschrift folgt die Unterüberschrift „Gründonnerstag oder Hoher Donnerstag“, der ausschließlich aus der Vesper besteht, die zudem nur von den armen Schweinen wie mir gebetet wird, die wegen kleiner Kinder (oder aus anderen Gründen) nicht an der Messe vom Letzten Abendmahl teilnehmen können. Ok, und der Komplet.

Die Verwirrung kommt wahrscheinlich daher, daß es mal (zwischendurch) zwei Triduen gab, nämlich das Leidenstriduum (Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag) und das Auferstehungstriduum (Ostersonntag, Ostermontag, Osterdienstag). Letzteres ergibt aber einfach keinen Sinn, denn von Ostersonntag bis zum Weißen Sonntag ist schon Osteroktav.

Wozu ein Triduum in der Oktav? Wahrscheinlich weil das mit dem Triduum von Gründonnerstag bis Ostersonntag nicht mehr klar war, also genau aufgrund der Frage, warum das Triduum vier Tage umfasse. Tat es aber gar nicht, sondern der Karfreitag beginnt (wie jedes Hochfest) mit dem Vorabend. Seit der Wiederherstellung des klassischen Triduums durch Papst Pius XII. 1951 (siehe auch hier) droht hingegen der Karsamstag als wesentlicher Bestandteil des Triduums unter den Tisch zu fallen (drei Tage? Also Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag! – NEEEEEEIIIIIIN!!!11111einself).

Um den Karsamstag angemessen aufzuwerten, kann ich nur die Karmette empfehlen (z.B. bei uns in Eisenach am Karsamstag und 8.30 Uhr). Seit ich die kennengelernt habe, möchte ich sie nicht mehr missen, denn von ihr her kriegt der Karsamstag als fast, aber eben nicht ganz a-liturgischer Tag sein eigenes Gepräge, das ihn als vollen und bedeutsamen Tag des Triduums heraushebt.

P.S.: Eigentlich reicht bereits der Schott. Denn die Missa Chrismatis steht auch dort unter Donnerstag der Karwoche. Da die aber meistens schon am Kardienstag gefeiert wird, rutscht das leicht durch.

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In den letzten Wochen bin ich beim Verfassen meiner Posts immer wieder an eine Grenze gekommen, so daß die Posts nie fertig wurden und mein Vorrat an verwertbaren Entwürfen inzwischen so ziemlich gegen Null tendiert.

Die Grundidee, an der ich mich abgearbeitet habe, betrifft einige merkwürdige Phänomene, die ich in der Kirche beobachten konnte. In allen diesen Situationen und in, wie mir scheint, immer mehr weiteren (ja, ich bin paranoid), erreiche ich gedanklich einen Punkt, an dem ich merke: So kommst Du nicht weiter. Du kannst diese Phänomene zwar auf den Punkt bringen, das wird aber nichts ändern. Es läßt sich einfach nichts ändern, zumindest nicht, indem man die konkreten Probleme direkt angeht: Es handelt sich um einen „Catch 22“.

„Catch 22“ ist ursprünglich ein Anti-Kriegsroman des Amerikaners Joseph Heller. Das Buch ist, wie ich finde, ausgesprochen anstrengend zu lesen, was wohl daran liegt, daß es die Sinnlosigkeit der beschriebenen Ereignisse und Umstände auch in der literarischen Gestaltung der Erzählung zum Ausdruck bringt. Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben, ob ich es empfehlen kann, bin ich mir nicht so sicher.

Von diesem Buch ausgehend hat sich der Begriff „Catch 22“ im Englischen für Situationen, wie sie im Buch beschrieben werden, eingebürgert. Die deutsche Wikipedia nennt diese Situationen „Dilemmata“, das ist mindestens ungenau. Ein Dilemma ist eine Situation, in der ich, egal wie ich mich entscheide, etwas falsch mache. Bei einem „Catch 22“ kann ich zwar nichts richtig machen, aber das liegt nicht daran, daß ich etwas falsch mache, sondern daß die Situation so konstruiert ist, daß unabhängig von meiner Entscheidung das angestrebte Ziel schlicht nicht erreicht werden kann.

Das erste und bekannteste Beispiel für einen „Catch 22“ aus dem Buch ist eine Regelung, nach der wahnsinnige Piloten keine Angriffe fliegen dürfen, sondern von der Front abgezogen werden müssen. Einzige Voraussetzung dafür ist, daß der Pilot eine psychologische Untersuchung beantragt. Der „Catch“ dabei ist, daß die Beantragung dieser Untersuchung zeigt, daß er völlig gesund ist, denn nur ein Wahnsinniger würde Angriffe fliegen wollen. Infolgedessen kann der Gesunde nicht vorspiegeln, geisteskrank zu sein, und der Wahnsinnige kann nicht nach hause geschickt werden, weil er sich selbst ja nicht für wahnsinnig hält und entsprechend keinen Antrag stellen wird, und selbst wenn sich ein Wahnsinniger selbst für wahnsinnig hielte und einen Antrag stellte, würde ihm das als eindeutiges Zeichen geistiger Gesundheit ausgelegt.

Ein Catch 22 drückt sich also in der Unmöglichkeit aus, systemkonform ein Ziel, das das System als mögliches vorspiegelt, erreichen zu können. Ein (moralisches) Dilemma hingegen ist eine Situation, in der zwei absolute Werte miteinander konkurrieren, in der also die Güterabwägung nicht mehr funktioniert, um zu einer klaren Entscheidung zu kommen. Am ehesten vergleichbar ist ein Catch 22 daher mit dem Passierschein A38 aus „Asterix erobert Rom“ oder dem „Was?! Ihr müßt mir doch eine Chance lassen da raus zu kommen! Also gut, ich bin der Messias!“ aus dem „Leben des Brian“.

Allerdings ist der Catch 22 deutlich brutaler. Asterix kommt an den Passierschein A38, indem er den Spieß umdreht und nach Passierschein A39 fragt. Ein Catch 22 kann zwar anfangs noch solche Lücken haben, sie werden aber geschlossen werden und sind nicht systemimmanent wie bei Asterix. So auch im Buch: Ein Soldat entdeckt, daß er den schützenden Rang eines Private First Class auch nach einer Beförderung durch unerlaubtes Entfernen von der Truppe, das eine Degradierung nach sich zieht, immer wieder erreichen kann – bis eben diese Lücke als solche erkannt und geschlossen wird. Brian kann sich verbergen, die Volksmenge hat keine direkte Macht über ihn, und daß er am Ende am Kreuz endet, hat nichts mit der Messiasfrage, sondern mit der Beteiligung an einem terroristischen Akt zu tun. Beide Varianten sind bei einem Catch 22 nicht möglich. Egal was Du machst, egal wie Du Dich entscheidest, die gestellte Aufgabe ist nicht lösbar, denn es gibt nicht nur keine Möglichkeit, die gestellte Bedingung zu erfüllen, die Bedingung selbst ist vielmehr völlig unsinnig: die Bedingung, um „Ziel“ erreichen zu können, besteht in „Nicht-Ziel“.

Und so gelingt es Hauptmann Yossarian, dem Antiheld von Catch 22, schließlich eher zufällig, weiteren Angriffsflügen zu entgehen, indem er zur Strafe zum Major mit Innendienstbeschreibung befördert wird. Denn jede andere Form von Bestrafung würde ihn von der Front abziehen, und dann könnten andere Piloten auch auf die Idee kommen, sich einfach zu weigern, Angriffe zu fliegen. Klingt unlogisch, ist es auch (wie der ganze Catch 22), denn es geht ausschließlich darum, den „Rebellen“ und „Abtrünnigen“ wieder ins System zu integrieren, indem man ihm gibt, was er will, ohne es explizit zu tun. Es wird also das individuelle Interesse ausnahmsweise erfüllt, um die Moral der Truppe im ganzen aufrecht zu erhalten. Und so zeigt sich der Catch 22 in einer Situation im Buch auch als das, was er tatsächlich ist: als blanke Ausübung von Macht.

Wie aber kommt man da raus? Die Antwort lautet: gar nicht. Es gibt aus einem echten „Catch 22“ keinen Ausweg, denn ein echter „Catch 22“ besteht gerade in seiner Alternativlosigkeit. Der Catch 22 ist zunächst eine reine Illusion, die die Ausübung der Macht gleichermaßen verschleiern wie absichern soll, und funktioniert selbst dann noch, wenn man ihn als solchen durchschaut hat, da er dann die Sinnlosigkeit des Versuchs offenbart, sich gegen den Catch 22 zu wehren.

Genau an diesem Punkt kam ich einfach nicht weiter. Es kann doch nicht sein, und es darf nicht sein, daß ich da wirklich nicht rauskomme, daß ich immer verliere. Und dann kam da der heutige Tagesheilige, Papst Johannes Paul II., ins Spiel. In der zweiten Lesung der Lesehore, die seiner Ansprache zu Beginn des Pontifikats entnommen ist, heißt es:

[Die Herrschaft des Herrn hat] ihre Ursprünge nicht in den Mächten dieser Welt, sondern im Geheimnis des Todes und der Auferstehung… Die uneingeschränkte und doch milde und sanfte Herrschaft des Herrn ist die Antwort auf das Tiefste im Menschen, auf die höchsten Erwartungen seines Verstandes, seines Willens und Herzens. Sie spricht nicht die Sprache der Gewalt, sondern äußert sich in Liebe und Wahrheit. […] Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und Seine Herrschergewalt anzuerkennen! […] Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! […] Habt keine Angst! Christus weiß, ‚was im Innern des Menschen ist‘. Er allein weiß es! Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also … Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur Er hat Worte des Lebens, ja des ewigen Lebens!

Da ging mir auf: Der Catch 22 basiert auf der erbsündlichen Verfaßtheit weltlichen Denkens, auf der Angst vor dem Tod, auf dem Streben nach Ehre, Anerkennung, dem Wunsch, etwas zu gelten – und nutzt diese brutal aus. Im Buch funktioniert der Catch 22 genau deshalb, weil die Soldaten Angst vor dem Tod haben (und jeder, der keine Angst vor dem Tod hat, wird als wahnsinnig dargestellt). Die Frage aber, ob der Krieg tatsächlich gerechtfertigt, ja vielleicht sogar notwendig ist (und wir reden hier immerhin vom Zweiten Weltkrieg), auch wenn es vielleicht nicht jeder einzelne Angriff ist, und ob das ständige Heraufsetzen der Flugzahl, bevor man auf Heimaturlaub darf, vielleicht aus Personalmangel tatsächlich notwendig ist, um den Krieg führen und gewinnen zu können – das alles spielt im Buch überhaupt keine Rolle. Es beginnt bereits mit dem Versuch, aus der (vorausgesetzten) Sinnlosigkeit des Sterbens auszubrechen.

Das Sterben in Christus aber ist nicht sinnlos. Die im Buch behandelte Sinnlosigkeit findet ihre Antwort tatsächlich in Christus, der dem nach weltlichen Maßstäben sinnlosen Leben einen Sinn geben kann. Nicht im Sinne einer Vertröstung auf das Jenseits, sondern in dem Sinn, daß er die Wahrheit und Gerechtigkeit als Maßstäbe erkennen läßt, für die es sich lohnt, Leib, Leben, Anerkennung, Würdigung, Bedeutung hin- und aufzugeben, weil Er selbst sie ist. Wer in Christus stirbt, dem wird das Leben nicht entrissen, er gibt es hin; wer in Christus stirbt, dem wird das Leben nicht genommen, sondern gewandelt.

Sicherlich ergibt das alles nur Sinn, wenn ich davon ausgehe, daß die Wahrheit und die Gerechtigkeit sich letztlich durchsetzen werden. Und der einzige Garant dafür ist Jesus Christus selbst. Sich gegen all die Catches 22 zu wehren, geht nur aus der Beziehung und Liebe zu Jesus Christus. Die Wahrheit wird euch frei machen: Wer (wirklich) in Christus lebt, ist für die weltliche Macht uneinnehmbar geworden, da er weder mit Drohungen noch mit Versprechungen korrumpierbar ist – zumindest solange er sich nicht wieder dieser Macht unterwirft.

Lebe ich mit Christus, springe ich nicht mehr über jedes Stöckchen, das mir hingehalten wird, ich kümmere mich um das, was (mir) wirklich wichtig ist, und ich entziehe mich dem Zugriff der Macht auf eine Weise, die die Logik der Macht schlicht nicht verstehen kann. Zugleich führt diese Freiheit aber notwendig in Verachtung, Ausgrenzung und vielleicht sogar Verfolgung; gerade weil ihr mit der Logik der Macht nicht beizukommen ist. Und die Verachtung, Ausgrenzung und Verfolgung erfolgt besonders da, wo es mir am meisten weh tut (wie ich im letzten halben Jahr mehrfach schmerzlich feststellen mußte). So ist das Leben mit Christus kein Zuckerschlecken. Es wird erst so richtig zum Kampf, zum Kampf aus der immer schlechteren Position, immer bergauf, aber es ist ein Leben in Freiheit, vor allem auch innerer Freiheit, in Identität mit sich selbst. Leiden tut immer weh, aber Leiden mit Christus kann die Welt verändern (aber eben nicht, indem die Probleme direkt angegangen werden), vor allem aber den mit Christus Leidenden befreien.

Habt keine Angst! Öffnet die Türen für Christus!

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Mir hat’s letztens ziemlich die Sprache verschlagen. Obwohl die die Frage nach der Wahrhaftigkeit nur eine für den Punkt, den ich rüberbringen wollte, untergeordnete Rolle spielte, war es einem der Gesprächsteilnehmer offenbar wichtig, seine Meinung dazu (als Tatsachenbehauptung) einzubringen: „Man kann nicht immer wahrhaftig sein, man muß Kompromisse machen. So ist das im Leben, ja, das ist Leben.“

Es mag sein, daß er meinen eigentlichen Punkt nicht verstanden hatte. Der bezog sich darauf, daß apokalyptische Gefühle ihren Auslöser darin haben können, daß jemand gerade von denen, die seine eigenen Werte geprägt haben, in einem Wertekonflikt im Stich gelassen wird. D.h. daß z.B. Eltern von ihrem (inzwischen erwachsenen) Kind in einer konkreten Situation eine andere Prioritätenreihenfolge fordern, als das Kind von ihnen gelernt zu haben meint. Dabei ist es längst zu einem klaren Gewissensurteil gekommen, fühlt sich diesem verpflichtet und sucht nun bei den Eltern moralische Unterstützung – und wird im Stich gelassen. Im konkreten Beispiel ging es darum, ob eine nicht unwesentliche ungesetzliche Vorgehensweise des Vorgesetzten gegenüber dessen Vorgesetzten auch in der Probezeit anzuzeigen ist, also um Wahrheitsforderung vs. persönliche Vorteile (Stelle behalten; denn daß im Falle einer Anzeige noch während der Probezeit die Kündigung zu erwarten war, stand fest). Wie gesagt, es ging dabei nur indirekt um die Wahrheitsforderung, primär um das unbedingt verpflichtende, längst feststehende Gewissensurteil – und die Enttäuschung, gerade von denen mit der das Gewissensurteil verletzenden Handlungsforderung konfrontiert zu werden (Klappe halten!), denen man es zuletzt zugetraut hätte. Und es mag sein, daß der Gesprächsteilnehmer das so nicht verstanden hatte.

Warum mich das so sprachlos gemacht hat, hat verschiedene Gründe. Einer ist, daß ich selbst einmal in einer Situation war, in der ein Vorgesetzter eine an sich ungesetzliche Forderung stellte. Es war damals für alle Beteiligten (selbst für den durch den Vorgesetzten vertretenen Arbeitgeber) die bequemere Lösung, es ging auch nicht um wirklich schwerwiegende Materie, und konkret wurde auch der Arbeitgeber nicht geschädigt, was aber im Falle einer deutlichen Verkomplizierung der Situation hätte eintreten können. Allerdings gab es keinen anderen Anlaß, von der gesetzlichen Regelung abzuweichen, als eben die Bequemlichkeit, die bürokratischen Folgen der gesetzlichen Regelung (die allerdings die Personalabteilung hätte ausbaden müssen) zu vermeiden. Wer in einer solchen kleinen Materie aus Bequemlichkeit die Regeln bricht, der wird wohl kaum im Falle eines gewichtigen Gewissenskonflikts seinem Gewissen folgen.[1]

Was mich also letztich so sprachlos gemacht hat, war nicht die Aussage, daß man im Leben manchmal Kompromisse schließen muß, sondern die Bestimmtheit und, ja, der Zynismus, mit dem das Leben als „Kompromisse hinsichtlich der Wahrheit machen“ definiert wurde. Vielleicht ist das alles falsch verstanden, ich will der konkreten Person hier keinen Vorwurf machen, es geht mir gar nicht um diese Person. Sondern es geht mir um die ja tatsächlich weit verbreitete Einstellung, daß man ja in kleinen Dingen schonmal Kompromisse hinsichtlich der Wahrhaftigkeit eingehen kann.

Dabei will ich gar nicht bestreiten, daß eine absolute Wahrhaftigkeitsforderung in Ausnahmesituationen unmenschlich wird.[2] Aber eben als Ausnahme, nicht als Regel, und in großen Dingen, nicht in den kleinen: z.B. in Dilemmasituationen, in denen verschiedene absolute Werte miteinander kollidieren, nicht in Situationen, in denen es unbequem ist, z.B. die Steuererklärung nach bestem Wissen und Gewissen zu erstellen, obwohl klar ist, daß der kleine Trick, den man da zu seinen Gunsten einbauen könnte, überhaupt nicht als fehlerhaft auffallen, geschweigedenn nachweisbar sein würde.

Sicherlich gibt es einen Unterschied zwischen der direkten Lüge und dem Verschweigen der Wahrheit. Das Verschweigen kann eher gerechtfertigt sein als die direkte Lüge, insbesondere wenn das Verschweigen der Schwäche des Gegenüber geschuldet ist, es also nicht um eigene, sondern um fremde Vorteile geht. Da mag es mitunter sogar von Vorteil sein, die ganze Wahrheit lieber in kleinen Häppchen zu servieren. Jedoch sollte man sich immer bewußt bleiben, daß es hier auch schnell wieder die eigene Bequemlichkeit sein kann, die nach Ausreden sucht: Wird das Verschweigen zur Regel, dann dürfte wohl eher die eigene Konfliktscheu als die Schwäche des Gegenübers ausschlaggebend sein. So richtig christlich ist jedenfalls beides nicht. Die direkte Lüge verbieten schon die 10 Gebote, die Bergpredigt hingegen verabsolutiert die Wahrheitsforderung: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,37; dem griechischen Text dieses Verses ist der Blogposttitel entnommen: ναὶ ναί, οὒ οὔ = ja, ja, nein, nein).

Kurzfristig mag die Lüge oder auch nur das Unterlassen, die Wahrheit auszusprechen, Vorteile haben. Langfristig zerstört sie das Gewissen, die Fähigkeit, dem Gewissensurteil zu folgen und vor allem: Vertrauen. Natürlich ist es verlockend, mit Hilfe einer Notlüge den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und natürlich kenne ich das auch, daß ich in einer solchen Situation nicht die Kraft aufbringe, der Wahrheit Genüge zu tun. Es scheint ja nicht so schlimm zu sein; hier ein wenig die Wahrheit zu frisieren, schadet ja keinem, es ist die einfachere Lösung, man braucht sich keine Blöße zu geben und einen Fehler zuzugeben usw. usf. Aber: Genau das ist das Wesen der Versuchung! Wer aber in kleinen Dingen der Versuchung nicht standhält, der wird es erst recht nicht in großen schaffen, wenn es wirklich drauf ankommt.

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[1] Man liest immer wieder, wie wichtig es für „Gewissenstäter“ ist, in kleinen, sachlich eigentlich unbedeutenden Fragen aus Gewissensgründen Widerstand geleistet zu haben, um später ihren großen Widerstand zu leisten. Z.B. war es für den Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich völlig unerheblich, ob Franz Jägerstätter als einziger in seiner kleinen Gemeinde gegen den Anschluß stimmte, und tatsächlich wurde seine Gegenstimme auch vor Weitergabe des Abstimmungsergebnisses unterschlagen, u.a. um ihn nicht in Gefahr zu bringen; d.h. seine Nein-Stimme fiel sachlich völlig unter den Tisch und hätte ihm nur schweren Ärger bereiten können, für ihn selbst war es aber wichtig, mit Nein gestimmt zu haben: Wenngleich es eigentlich nur ein symbolischer Akt war, schärfte er sein Gewissen und vor allem seine Bereitschaft und Fähigkeit, gegen alle Ängste und das sichere Wissen um das folgende Todesurteil seinem Gewissensurteil auch zu folgen und den Kriegsdienst in Hitlers Armee zu verweigern. (hoch)
[2] Klassisches Beispiel: Bin ich verpflichtet, einem SS-Offizier, der mich fragt, ob ich einen Juden verstecke, zu sagen, daß ich tatsächlich einen Juden verstecke? Wenn das so wäre, bräuchte ich den Juden gar nicht erst zu verstecken versuchen. Hier steht freilich die Wahrheitsforderung gegen die ungerechte Verfolgung, die darauf ausgerichtet ist, das Leben des Verfolgten zu vernichten. (hoch)

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