Isenheimer Altar

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Matthias Grünewald: Isenheimer Altar, Kreuzigung

Matthias Grünewald: Isenheimer Altar, Kreuzigung (Quelle)

Dieses Bild enthält den Strukturplan der Dogmatik. Glauben Sie nicht? Ist aber so. Na gut, es ist nicht der Strukturplan der Dogmatik, sondern mein Strukturplan der Dogmatik.

Kürzlich versuchte ich, zwecks Einordnung der Mariologie in die Gesamtdogmatik, die dogmatischen Traktate zu sortieren und aufeinander zu beziehen. Für mich als Thomas-Fan kam dabei natürlich nur in Frage, bei Gott anzufangen und gemäß dem exitus-reditus-Schema (alles hat seinen Ursprung in Gott und kehrt dorthin zurück) weiterzumachen. Das ergab zunächst einmal Gotteslehre, Schöpfung, Eschatologie:

Gott / \ Schöpfung ― Vollendung

Zwischen Schöpfung und Vollendung gehört natürlich die Christologie, denn ohne Christus keine Vollendung:

Gott / | \ Schöpfung ― XP ― Vollendung

Wohin jetzt die weiteren Traktate? Als da wären: Soteriologie (sofern man sie nicht als Teil der Christologie betrachtet), Pneumatologie (so man diese als eigenständigen Traktat annimmt und nicht in den folgenden, v.a. der Gnadenlehre verwirklicht sieht), Gnadenlehre, Ekklesiologie, Sakramentenlehre, Mariologie und theologische Anthropologie (die mir eigentlich etwas querliegt, m.E. müßte die ein Querschnitt zwischen Schöpfungslehre, Gnadenlehre und Eschatologie sein).

Klar war also schonmal, daß die Soteriologie direkt der Christologie zugeordnet werden muß. Andererseits ist die Erlösung natürlich auch ein Werk der ganzen Trinität (wie bildlich in den Gnadenstuhl-Darstellungen ausgedrückt), d.h. irgendwo hier müßte doch auch der Heilige Geist kommen, wenn man Ihm einen eigenen Traktat widmen will. Außerdem ist die Gnade gleichermaßen ein Ausfluß der Erlösung wie des Heiligen Geistes: Durch Christus im Heiligen Geist werden wir vom Vater begnadet. Also packen wir die Pneumatologie zwischen die Soteriologie und die Gnadenlehre.

Die Ekklesiologie und die Sakramentenlehre sind hingegen Konkretisierungen der Gnadenlehre, nämlich wie die Gnade konkret zu uns kommt: durch die Kirche, dem Grundsakrament, das dem Ur-Sakrament Jesus Christus entspringt, und die Sakramente:

Gott | Schöpfung ― XP ― Vollendung | Erlösung | Heiliger Geist | Gnade | Kirche | Sakramente

An der Stelle hatte ich also schon ein Kreuz gebaut, was mir erst auffiel, als ich partout nicht wußte, wo ich jetzt die Mariologie unterbringen soll. Die Lehre von Maria hat starke Bezüge zu fast allen anderen Traktaten, insbesondere zur Christologie und zur Gnadenlehre sowie zur Ekklesiologie, aber auch zur Eschatologie und zur Schöpfungslehre. Sie erscheint geradezu als Konkretisierung aller Dogmatik, nämlich als Erläuterung, wie die (scheinbar) äußerlich bleibenden Lehren tatsächlich unser Inneres betreffen. In Maria ist konkret (und vollendet!) wozu wir (noch) nur berufen sind. Insofern ist die Mariologie (wie Gerhard Ludwig Müller schon schrieb) das Gegenstück in der Heilsordnung zur theologischen Anthropologie.

Und an dieser Stelle kamem mir plötzlich die Kreuzigungsdarstellungen mit Maria und Johannes in den Sinn. Maria steht nicht im Kreuz, sondern unter dem Kreuz, und in Johannes könnte man das Gegenstück erkennen:

Gott / | \ Schöpfung ― XP ― Vollendung | Erlösung | Heiliger Geist | Gnade Mensch | Maria Kirche | Sakramente

Jetzt mußte ich nur noch begreifen, daß ich mein Schema umdrehen mußte, damit es zu den Bildern paßt, also quasi „hebräisch“ von rechts nach links lesen muß, damit Maria an der rechten Seite Christi, an Seiner Ehrenseite steht. Dieses „Drehen“ kann man auch so verstehen, daß eine so aufgebaute Theologie mit den Augen Christi auf die Welt gucken muß, und nicht von uns her auf Christus und das Kreuz.

Als ich mich dann konkret für das Bild von Grünewald entschieden hatte, zunächst einmal weil dieses Bild von demselben Altar stammt wie die Versuchung des heiligen Antonius, die der Einbandgestaltung meiner Doktorarbeit zugrundeliegt, fielen mir noch mehr Dinge auf, die dieses Bild im Vergleich zu vielen anderen sehr passend machten:

  • Auf den meisten Bildern steht Maria zur Rechten und der Apostel Johannes zur Linken Christi. Zwar paßt das rein chronistisch betrachtet durchaus bei der Kreuzigungsszene, da Maria als die Immaculata bereits voll auf der Heilsseite, der Apostel Johannes hingegen noch mehr auf der Unheilsseite stand. Da störte mich bei vielen Bildern aber der Heiligenschein ein wenig… Johannes der Täufer hingegen paßt geistlich verstanden viel besser in dieses Schema, da er der letzte, wenn auch größte Vertreter des Alten Bundes ist, Maria und der Apostel Johannes hingegen ganz dem Neuen Bund zuzuordnen sind.
  • Auch die Bildaufschrift bei Johannes dem Täufer: „Er muß wachsen, ich aber kleiner werden“, paßt voll und ganz in dieses Schema: Der gefallene alte Mensch muß immer kleiner werden, Christus aber in ihm wachsen, damit die Neue Schöpfung sich in ihm ausdrücken kann, wie sie (Er) es in Maria und Johannes tat.
  • In diesem Sinne stellt Maria Magdalena, die sich auf anderen Darstellungen sogar an das Kreuz klammert, als „die“ Sünderin, die Vergebung und Heiligung erfahren hat, den Weg dar, wie wir von der einen auf die andere Seite kommen.
  • Last but not least steht bei Johannes dem Täufer das Lamm Gottes, das geschlachtet wurde und dessen Blut in den Kelch fließt. Womit sogar die Sakramentenlehre als unterster Punkt in „meinem“ Theologie-Kreuz Bestätigung findet. 🙂
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