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afdSchon lange ärgere ich mich über die CDU, deren Stammwähler ich bis 2005 war. Dann kam Ursula von der Leyen, die genau das Projekt umsetzte, weswegen ich auf die Abwahl von rot-grün hoffte: das völlig asoziale Elterngeld. Seitdem denke ich mir, verarschen kann ich mich alleine. Inzwischen hat die CDU sämtlichen „Ballast“ abgeworfen, dessenwegen ich in jungen Jahren einmal in die Partei eingetreten war. 2009 hatte ich mich noch einmal von der „das kleinere Übel“-Argumentation überzeugen lassen, aber auch das kleinere Übel ist ein Übel, das nur in Kauf genommen werden darf, wenn eines der Übel auf jeden Fall eintritt. Insofern hatte ich schon ernsthaft in Betracht gezogen, dieses Jahr gar nicht zu wählen. Zuletzt haben ja auch die Bischöfe darauf hingewiesen, daß ich verantwortungsvoll mit meinem Wahlrecht umgehen solle. Wenn ich bei keiner Partei ruhigen Gewissens mein Kreuzchen machen kann, muß ich es also lassen.

Dumm nur, daß vom Nicht-Wählen letztlich alle Parteien profitieren (wir nähern uns also der Dilemmasituation, die ein CDU-Kreuzchen rechtfertigen könnte…). Also bin ich auf die Suche nach einer wählbaren Alternative unter den „kleinen“ Parteien gegangen. Eingeschränkt schonmal dadurch, daß in Thüringen eh nur 12 Landeslisten antreten und davon sieben grundsätzlich ausfallen. Was ich dann aber im Wahlprogramm der AfD las, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht zu erhoffen gewagt.

Grunsätzlich sehe ich zwei Bereiche, in denen sich unsere Gesellschaft durch die „alternativlose“ Politik ihr eigenes Grab schaufeln läßt. Und nein, das ist nicht der Euro, das Problem liegt viel tiefer.

  1. Pacta sunt servanda, Verträge müssen eingehalten werden, das wußten schon die alten Römer. Die Idee des Rechtsstaats ist vielleicht nicht ganz so alt, daß aber ohne verbindlich – auch für den Staat selbst – geltendes Recht Staaten nichts anderes als Räuberbanden seien, ist ebenfalls antiken Ursprungs. Und genau diese Forderung, nämlich daß sich der Staat an sein eigenes Recht zu halten habe und auch nicht in Einzelfällen davon abweichen darf, ist ein, wenn nicht der zentrale Punkt im Programm der AfD, aus dem sich eine Vielzahl der anderen Programmpunkte ableiten läßt bzw. zu interpretieren ist.
  2. Familienpolitik war ja schon der Anfang meiner Entfremdung von der CDU. Selbst als „kleineres Übel“ hat die CDU nicht viel dafür getan, die allmähliche Entrechtlichung von Ehe und Familie aufzuhalten. (Das größere Übel, die Grünen, haben übrigens gegenwärtig die wunderbare Idee, die kostenlose Mitversicherung des Ehepartners in der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen; das trifft bestimmt nicht die No-Kids-Double-Income-„Familien“…). Hier macht die AfD klare Ansagen, die (rechtsstaatlich gesehen) eigentlich selbstverständlich sein sollten, aber trotzdem (oder vielmehr weil sie es eben schon lange nicht mehr sind) Balsam für meine geschundene Familienvaterseele sind: „Wir stehen für den Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft“ (Wahlprogramm AfD, Punkt „Alterssicherung und Familie“), und: „Wir fordern, Bildung als Kernaufgabe der Familie zu fördern. […] In erster Linie sind die Eltern für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder verantwortlich.“

Insofern war es dann nicht mehr allzu überraschend, daß die AfD auch im Wahl-O-Mat die CDU von Platz eins meiner Parteienpräferenz verdrängt hat (die CDU ist gleich auf Platz 3 gerutscht). Überraschender war jedoch, daß die AfD sogar die 80%-Marke geknackt hat. Und womit? Mit den Antworten auf die Fragen 6 (Videoüberwachung) und 34 (Vorratsdatenspeicherung). Manchmal fragte ich mich ja schon, ob ich mit meiner Einstellung zu diesen Themen einfach im falschen politischen Lager bin. Jetzt weiß ich, nein, meine Ansicht, daß es durchaus bürgerlich ist, gegen den Kontroll- und Ausspähwahn des Staates zu sein, ist nicht völlig verquer:

„Die in Deutschland praktizierte Videoüberwachung öffentlicher Räume zur Abwehr von Straftaten ist ausreichend. Die erheblich weiter gehende landesweite Installation von Überwachungskameras hat z.B. in Großbritannien keinen Rückgang der Kriminalität bewirkt. Daher lehnt die Alternative für Deutschland eine Ausweitung der Videoüberwachung ab.“ (Antwort der AfD zu Frage 6, Wahl-O-Mat)

„Eine Speicherung von Kommunikationsdaten ohne konkreten Anlass verstößt gegen Art. 10 GG (Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis). Die Alternative für Deutschland steht dafür, den Rechtsstaat uneingeschränkt zu achten.“ (Antwort der AfD zu Frage 34, Wahl-O-Mat)

Anmerkung am Rande: Auch diese Punkte werden aus dem Rechtsstaatgedanken abgeleitet, indem die Videoüberwachung nach dem Verhältnismäßigkeitsprinzip und die Vorratsdatenspeicherung nach dem GG beurteilt werden. Wehrmutstropfen: Es gibt keinen Beschluß der Partei zu diesen Punkten, dafür aber auch Kandidaten, die anderer Meinung sind.

Natürlich sind auch die Politiker in der AfD Politiker. Natürlich werden auch sie mich, gesetzt den Fall, sie bekommen überhaupt die Chance dazu, früher oder später mit der einen oder anderen Entscheidung vor den Kopf stoßen. Aber eine so deutliche Übereinstimmung mit einer grundsätzlichen Parteiausrichtung habe ich selbst bei meinem CDU-Eintritt nicht gehabt.

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Oder ist es wirklich beliebig, wie wir mit fundamentalen Gegebenheiten des menschlichen Lebens umgehen? Die Ehe etwa als Verbindung zwischen Mann und Frau, als Kernzelle der Familie, ist nicht etwas Beliebiges, an dem man nach Gutdünken herumoperieren kann. Ehe sollte Ehe bleiben und nicht als Begriff auf alle möglichen Verbindungen von Menschen angewendet werden. Und ich füge ausdrücklich angesichts der gewachsenen biotechnischen Möglichkeiten hinzu: Der unbedingte Schutz des menschlichen Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende ist ebenfalls nichts Beliebiges, das man anderen Interessen unterordnen kann. Meine Unterstützung gilt allen, die sich dafür, auch öffentlich, einsetzen. Das menschliche Leben muss eine Gabe bleiben, über die der Geber verfügt, nicht wir. (Bischof Wanke in der Predigt bei der Bistumswallfahrt am 16. September 2012)

Mit diesem unterstützenden Aufruf, den wir ganz persönlich auf uns beziehen konnten, im Rücken fuhren wir am Samstag zum Marsch für das Leben. Nach 21 Mitfahrern im letzten Jahr waren wir diesmal bereits 35. (Also: Nächstes Jahr rechtzeitig anmelden, sonst ist der Bus schon voll. 🙂 Termin ist der 21.09.2013.)

Und dann: Da haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes seelisch und moralisch (mit Eph 6, „Des Königs Banner“ und „Heilges Kreuz sei hoch verehret“[1] – sowie einem eigens eingerichteten Gebetsdienst in der Heimat) auf einen geistlichen Kampf eingestellt, und dann ging der Marsch in aller Stille los. Bis zum Reichstag waren wir schon gekommen, bevor die ersten Trillerpfeifen zu hören waren, und erst am Brandenburger Tor ging’s mit dummen Sprüchen los. Und überhaupt waren es immer dieselben paar Hanseln, die da „gegendemonstrierten“. Ok, wer das erste Mal mit dabei war und noch nie Linksextremisten im richtigen Leben gesehen hatte, war immer noch einigermaßen schockiert, aber da hätte wahrscheinlich ein einziger Gegendemonstrant, der sich mit Trillerpfeife unter die Teilnehmer mischt, gereicht.

Die Sprüche… Die sind wirklich sowas von strunzdumm. Ich würde mich ja gerne angegriffen fühlen, aber ich verstehe nicht, wieso die Leute da de facto Selbstverfluchungen brüllen. Das macht mich allenfalls ein wenig betroffen. „Hätt Maria abgetrieben…“ – da denke ich immer an Paulus: „Nun aber hat Maria nicht abgetrieben…“ Oder „Kondom, Spirale, Linksradikale“: Kommentierte ein Teilnehmer mit: „Was lernen wir daraus? Linksradikalismus ist unfruchtbar.“ Ach ja, irgendeiner der Sprüche endete auf „…die Dummen sterben aus“.

Tja, mein Busmitorganisator war auch nach dieser Erfahrung und gerade im Hinblick auf unsere geistliche Vorbereitung nicht um eine deutende Bibelstelle verlegen:

Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser Welt. Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen.(1 Kor 10,3-5)

Also: Die Zeit ist reif, der Marsch ist endgültig sicher. Jetzt kann sich auch der eine oder andere Diözesanbischof vorwagen und mitlaufen. Nos sumus testes!

===
[1] Unglaublich! Ich kann im Netz keine vollständige Wiedergabe des Textes finden. Maximal vier Strophen sind zu finden, und selbst dann noch meist schrecklich umgedichtet. Hier darf ich wenigstens noch „im Kampfe“ (statt so allgemein blabla „im Leben“) auf das Kreuz schauen, um mein Ziel glücklich zu erreichen, und ich darf das Kreuz auch noch als „hartes Ruhbett meines Herrn“ verehren. Dafür fehlen die Strophen, in denen uns das Kreuz mahnt, „treu zu sein bis in den Tod“ und in der wir „stets gedenken seiner Pein“ (die für mich auch und gerade emotional bedeutendsten Stellen – wo sonst darf ich mich in der Kirche mal wirklich als Mann fühlen?!). Man wird den Eindruck nicht los, daß Kampf etwas ist, was es im Christentum eigentlich nicht geben dürfte. Zum Glück war die Erfahrung im Bereich der BBK eine andere, in deren Anhang ist der Kampf deutlich drin. – Es gibt doch in der Blogoezese so’n paar Spezialisten, die GL-Fassungen und Originalfassungen vergleichen. Gibt’s den Vergleich für „Heilges Kreuz sei hoch verehret“ schon? (nach oben)

Update: Nachdem ich explizit Ausschnitte aus allen Strophen und in dem von mir gewünschten Wortlaut als Suchanfrage gestellt habe, konnte ich auch die von mir geliebte Fassung im Netz finden. Und wenn ich die Frakturschrift am Ende als Zeichen für die Ursprünglichkeit dieser Variante deuten darf, dann hat sich im BBK-Anhang tatsächlich der ursprüngliche Text erhalten – allerdings um eine mir bisher unbekannte sechste Strophe verkürzt.

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Jetzt komme ich nach längerer Pause mal wieder dazu, einen Blick in Metalzeitschriften zu werfen. Da schlage ich also die Legacy #78 auf (ab morgen ist schon die nächste Ausgabe am Kiosk…). Wenig überraschend geht es in der Kreator-Titelstory mit Religionskritik los. Mille:

Grauenhaft, daß es im Jahr 2012 noch Religion gibt. …wenn gesagt wird: Du hast eine andere Religion, wir müssen jetzt gegeneinander Krieg führen. Ohne Religion wäre nicht alles besser, aber auch politisch auf einer anderen Funktionsebene, man könnte woanders ansetzen. Stattdessen rennt man weiter Hirngespinnsten hinterher, die gute Geschichten für Hollywood abgeben.

So weit, so gut, so mainstreamig. Aber es geht weiter, und für den Außenstehenden wohl durchaus überraschend:

Die Jesus-Geschichte ist großartig und eine wichtige Inspirationsquelle. Ich habe in der Bibel schon viele Textideen gefunden und mag auch die Metaphorik. Aber das Buch für bare Münze zu nehmen, danach zu leben und es als Anstoßr für Krieg, Mord und Totschlag zu nehmen, ist überholt. Der Untergang der Welt bedeutet für mich ein Umdenken: Das Denken, welches die jetzigen Probleme erzeugt, muß weg.

Für den Außenstehenden mag das vielleicht sogar wirr klingen. Einerseits findet er die Bibel total toll, andererseits lehnt er sie als Lebenshilfe völlig ab. Nicht sonderlich nachvollziehbar. Und dann interpretiert er die Apokalyptik auch noch genau so, wie sie die Apokalyptik selbst versteht, sieht darin aber einen Widerspruch zum christlichen Verständnis der biblischen Apokalyptik. Ein Wirrkopf? Ne, ganz im Gegenteil, wirr ist das, was er kritisiert. Und da bin ich ganz auf seiner Seite: Politischer Mißbrauch der Religion, der sie pervertiert. Schönen Gruß von Slayer. Dann hat er offenbar ein Problem mit einem einseitigen Biblizismus, der selbst die metaphernreiche Bildsprache der Apokalyptik als Drehbuch für den Weltuntergang mißversteht. Bin ich ebenfalls voll auf seiner Wellenlänge. Und daß das Denken, das die jetzigen Probleme erzeugt, weg muß, schreibe ich ja schon lange. Nur daß ich die Ursache nicht in der Religion an sich sehe, sondern in ihrer Perversion, während er die Perversion gerade nicht als Perversion, sondern als Normalzustand der Religion ansieht. Und wie sehr sich seine Interpretation von Religion (und Politik) von meiner unterscheidet, wird in der folgenden Passage deutlich, die wieder völlig wirr wirkt, wenn man die unterschiedliche Begriffsverwendung nicht berücksichtigt:

Es geht immer um Angst, auch bei den ganzen Antichristen, die in letzter Zeit von den Regierungen und Medien propagiert wurden. Wie Osama bin Laden. Wenn man ihn gefangen genommen und dazu befragt hätte, wie er den 11. September 2001 geplant hat, hätte man mehr Einblick in die Struktur des Terrorismus als solchen gehabt, als wenn man ihm einen Kopfschuß verpaßt und ihn aus angeblich religiösen Gründen im Meer versenkt. Obwohl es in der muslimischen Kultur meines Wissens nach keine Seebestattung gibt. Man fragt sich: Kannte man den Typen wirklich? Dadurch bin ich auf den Titel [Phantom Antichrist] gekommen, Religion benutzt Angst und Schrecken, um Menschen zu manipulieren, egal, in welche Richtung.

Wie gesagt, wenn man hier streng zwischen Religion an sich und Politik scheiden würde, dann ergäbe die ganze Passage keinen Sinn. Setzt man hingegen voraus, daß Religion nur der Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen dient, mithin selbst Politik ist, ergibt die Passage plötzlich Sinn (auch wenn immer noch das „aus angeblich religiösen Gründen“ bleibt und die ganze Interpretation von Religion in Frage stellt, aber für Mille ergibt das so Sinn, und man kann ihn nachvollziehen, auch wenn man ihn nicht teilt.) Auch in weiteren Passagen wird der vorausgesetzte Biblizismus deutlich, etwa wenn da was von „man darf sich als Christ kein Bild von Gott machen“ (Hä? Schonmal ’n Kruzifix gesehen?) „aber die Ängste auf den Antichristen projizieren“ (Angst ist nicht sonderlich christlich) steht. Trotzdem hat Mille „Respekt vor Leuten, die glauben, und es soll jeder für sich damit glücklich werden, was er für richtig empfindet“ – naja, so kann man dann aber auch nicht mehr über richtig und falsch diskutieren. Und dann fängt er wieder übergangslos mit Politik und Machttechniken an:

Wer meint, an Gott oder Allah glauben zu müssen, soll das tun. Für micht ist das überholt, ebenso dieses Formen von Feindbildern. Wie heißt dieser Typ, der jetzt per Internet gejagt wird – Kony? Das war auch so aufgemacht, mit einem Vater, der seinem Sohn ständig Bilder von Kony zeigt. Das ist ein Werkzeug, welches von Christen oft genutzt wird, dieses Einteilen in Gut und Böse. Es gibt nichts dazwischen, alles ist nur schwarz oder weiß.

Also, wenn er das für Christentum hält, dann kann ich die Ablehnung durchaus verstehen. Was er beschreibt, lehne ich auch ab, und ich müßte schon einen sehr abstrusen Ausschnitt der Blogoezese konsumieren, wenn ich damit alleine dastehen sollte. Allerdings ist das Schwarz-Weiß-Denken keineswegs ein besonders auf Christen beschränktes Phänomen. Das können die Atheisten mindestens genauso gut.

Doch dann wird die Differenzierung plötzlich deutlicher, offenbar unterscheidet er zwischen Religion (und ihren Organisationsformen) und dem Glauben des einzelnen:

Da muß man ganz vorsichtig sein, denn der Glaube ist grundsätzlich nicht schlecht. Das Götzentum zerstört ihn. [Boah ey! Was würde ich dafür geben, diesen Satz aus einem Theologenmunde zu hören!] Ich glaube auch an die Kraft der Musik. Wenn man eine positive Grundeinstellung hat, kommt man viel weiter als mit einer negativen. Das würde den christlichen Glauben ausmachen, wenn er denn mal richtig gelbt würde. [Aber hallo! Wie wäre es denn mal mit einer Podiumsdiskussion: Papst und Mille gegen ZdK und Memorandisten?] Gerade der [vom Interviewer] angesprochene Text [„Your Heaven My Hell“] ist eine Fiktion, der eine Mißbrauchsthematuik zugrundeliegt.

Das einzige, was mir wirklich nicht in den Kopf will, steht ein paar Zeilen danach:

Am unglaubwürdigsten ist für mich die Androhung des jüngsten Gerichts. Wenn man dessen Grundlage als Hirngespinnst abtut, kann man diskutieren. Sonst dreht man sich im Kreis, wie seit Jahrhunderten.

Ok, ich verstehe, daß er Religion und Politik zumindest strukturell gleichsetzt und damit die Botschaft vom Jüngsten Gericht eine „Drohbotschaft“ ist, die Furcht und infolgedessen Gehorsam verbreiten soll. Daß er daher damit nicht viel anfangen kann, ok. Warum man aber dessen Grundlage, also den Gottesglauben, den Glauben an die Wiederkunft Christi und damit auch die Hoffnung auf das Jüngste Gericht gerade für die Opfer, gerade für die Mißbrauchten wie eben den Protagonisten von „Your Heaven My Hell“ aufgeben sollen muß, nur um überhaupt mit ihm diskutieren zu können, bleibt mir ein Rätsel. (Update: Ich beginne zu verstehen. Möglicherweise meint er: Solange der Gegenüber noch mit dem Jüngsten Gericht droht, kann er mich jederzeit aus der Diskussion kicken. Ok, könnte ich nachvollziehen. Den Eindruck bekommt man nämlich auch, wenn man sich in nicht nur rein apologetischer Absicht mit Satanismus beschäftigt, denn dann heißt es, man sei wohl schon selbst „okkult belastet“ und ist raus aus der Diskussion…)

Danach geht es zur Abwechslung mal um die Musik, erst am Ende kommt der Artikel auf Politik zurück. Nachdem Mille zu demokratischem Engagement, zu konstruktiver Mitarbeit, um etwas zu ändern, zur Teilnahme an Demonstrationen (Yo, mach ich: 22. September! Berlin!) aufgerufen hat, fragt der Interviewer danach, was er denn von Gaucks „Freiheitsjargon“ halten würde. Und nach nur wenigen Zeilen sind sie wieder bei Religion:

So gesehen müßte Mille der neue Bundespräsident Gauck mit seinem Freiheitsjargon gefallen. „Ich vertraue Politikern nicht unbedingt. Politiker muß es geben, aber ich habe noch keinen Supersympathen gefunden. Ich weiß, daß es Menschen sind und sie Fehler machen, das sind keine Supermenschen. Ihnen den Schlüssel zur Rettung zu übergeben, ist naiv.“ Jülle hat sein erstes Drumkit größtenteils durch sein Konfirmationsgeld finanziert. Milles Kooperation mit dem heutigen „Feind“ war sogar noch intensiver. „Ich war jahrelang Meßdiener, ich kenne den Quatsch. Religionskritik ist immer super einfach und sehr Metal, fast jeder Metaller kann sich damit identifizieren. Ich kenne diese Strukturen und weiß, was in der Kirche passiert. Für mich war es auch ein Lernprozeß, Meßdiener zu sein und zu erfahren, was organisierte Religion eigentlich ist. Das ist Götzentum, wie ein Schauspiel. Der Pfarrer ist der Leadsänger, und die Meßdiener stehen daneben. Der Name sagt alles, man ist Diener. Das zeigt die hierarchische Sturktur der katholischen Kirche. Es gibt einen da oben, den beten alle an. Dann gibt es den Priester als Vermittler, und der Rest sind Diener. Das ist für mich falsch.

So ganz verstanden haben kann er das ja nicht, denn dann wüßte er, daß der Priester auch nur Diener ist, und eigentlich sogar mehr Diener als „das Volk“, nämlich der Diener der Diener Gottes. Aber interessant finde ich ja die Bezeichnung des Priesters als Leadsänger. Setze stattdessen Animateur oder Alleinunterhalter, und willkommen, Mille, bei kath.net.

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Wenn alles mit halbwegs rechten Dingen zugeht, müßte das Betreuungsgeld jetzt sicher sein. Als Befürworter muß man sich eigentlich nur noch genüßlich zurücklehnen und darauf warten, daß sich die Gegner um Kopf und Kragen reden. Nachdem am Mittwoch bereits Manuela Schwesig erfolgreich vorgelegt hatte (und eine coole Antwort hervorgerufen hat, die weder sie noch ihre Äußerung einer Erwähnung für würdig befand und trotzdem klar gegen sie gerichtet war), greifen die Verzweifelten jetzt zum letzten Todschlagargument: Verfassungswidrigkeit.

Dafür müssen sie allerdings ganz schöne Klimmzüge machen, die es kaum wert sind, kommentiert zu werden. Zum einen bereite der Krippenausbau keine Nachteile für die Eltern, die ihre Kinder zu hause erziehen (was für sich genommen zwar richtig, aber kein Argument ist), zum zweiten dränge das Betreuungsgeld „Eltern zu einer bestimmten Art und Weise der Erziehung ihrer Kinder“ (was bereits sachlich falsch ist, denn die Geldzahlung ist ja nicht an einen bestimmten Erziehungsstil oder bestimmte Erziehungsziele geknüpft). Daß die Eltern für Kindergartengebühren entschädigt werden müßten, werde ich mir auch merken, wenn ich für meinen nächsten Ausweis Geld auf den Tisch legen soll; immerhin scheine ich ja einen verfassungsmäßigen Anspruch darauf zu haben, kostenlose Leistungen vom Staat zu bekommen.

Na, wie gesagt: Das Ende der Debatte kann nicht mehr fern sein. Zumal auch die Zustimmung deutlich höher ist, als man angesichts des Medienechos denken könnte, insbesondere in der (möglichen) Elterngeneration (51%). Und während die Piratenpartei das Betreuungsgeld ablehnt (man prüfe diese Aussage mal anhand der dortigen Kommentare :-), hat es unter den Piratenanhängern (und nur unter den Piratenanhängern) tatsächlich einer relative Mehrheit von 47%.

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…gibt es nicht, da sie nicht vermittelbar sind.

2008:
„Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Einführung des Elterngelds und dem Anstieg der Geburtenrate in Deutschland.“

2011:
„‚Der Erfolg des Elterngeldes lässt sich nicht nach kurzer Zeit unmittelbar an der Geburtenrate ablesen‘, sagt die neue saarländische Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).“

Was 2008 noch völlig durchsichtig und für jeden halbwegs denkenden Menschen offensichtlich war, ist 2011 etwas besser verpackt und nicht sogleich als Nullaussage zu erkennen. Doch suggeriert Frau Kramp-Karrenbauer, auf lange Sicht würde dennoch die Geburtenrate durch das Elterngeld steigen.

Das hat unter anderem deshalb nichts mit der Realität zu tun, weil es einen an einer steigenden Geburtenrate erkennbaren Einfluß des Elterngeldes gar nicht geben kann. Denn die Geburtenrate bezieht sich auf Lebendgeborene je 1000 Einwohner und ist damit zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil von langfristigen und unveränderbaren Daten abhängig: der Altersstruktur der Bevölkerung.

Da unsere Gesellschaft seit mehreren Jahrzehnten zunehmend überaltert, ist schon heute klar, daß die Geburtenrate in den nächsten 30 Jahren kontinuierlich sinken wird, egal welche Anreize man setzt. Denn da es in jedem neu in den statistisch als „gebärfähig“ definierten Alterskorridor (15-49) nachrückenden Jahrgang deutlich weniger potentielle Mütter gibt als im gleichzeitig nach oben herausfallenden, müßten die Jüngeren deutlich mehr Kinder bekommen, um die absolute Kinderzahl zu halten. Mit anderen Worten: Auch wenn die Zahl der Kinder pro Frau im „gebärfähigen Alter“ steigt, ja selbst wenn sie die „glorreichen“ 2,1 erreichen würde, kämen absolut immer noch weniger Kinder zur Welt als im jeweiligen Vorjahr. Erst wenn jahrzehntelang die Zahl jenseits der 2,1 läge, könnte auch wieder mit steigender absoluter Kinderzahl gerechnet werden.

Leider gehört Statistik nicht gerade zu den Fachgebieten, für die sich jeder Deutsche interessiert, was auch nicht sonderlich überrascht, werden doch hier nur Verhältniszahlen angegeben, die interpretiert werden müssen. Und nur deshalb kommen Politiker mit solchen Unwissenheitsoffenbarungseiden wie den beiden oben zitierten durch.

Bleibt nur die Frage, ob mit statistischen Diskussionen überhaupt die eigentliche Frage getroffen ist. Wenn nur die Angst vor dem Zusammenbruch der Alterssicherung die Menschen zum Kinderkriegen motivieren sollte, dann täten mir die Kinder leid.

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Beim Papstbesuch in England gab es eine große Anti-Papst-Kampagne aus atheistischer/kirchenfeindlicher Richtung, so daß einige Angst hatten, der Besuch könne zum Desaster werden. In Deutschland scheint mir das anders zu sein. Eine große öffentliche Kampagne scheint es mir nicht zu geben, die Protestler scheinen über ihre linksextremistisches Milieu hinaus wenig zu bewirken.

Klar, die „typisch deutschen“ Bedenken gibt es auch hier, insbesondere wird kritisiert, das sei alles viel zu teuer, man solle das Geld doch lieber für den Hunger in Afrika spenden usw. Also nichts, was man wirklich ernstnehmen müßte in einem Land, in dem z.B. die privatwirtschafltliche Bundesliga die Folgekosten sozialisiert, vulgo: in dem ich mit meinen Steuern dafür bezahle, daß sich Wirtschaftsunternehmen nicht um das zum Teil asoziale Verhalten ihrer Kundschaft rund um ihr „Ladenlokal“ kümmern. (Jeder Wirt, der eine stockbesoffenen Gast sehenden Auges zu seinem Auto gehen läßt, kriegt zu Recht einen auf den Deckel…)

Im großen und ganzen wirkt der öffentliche Diskurs um den Papstbesuch auf mich verhältnismäßig sachlich, was sich nicht zuletzt daran zeigt, daß unsachliche Beiträge als solche kritisiert werden. Ganz anders erscheint mir aber der innerkirchliche Diskurs um den Papstbesuch. Auch hier geht es „typisch deutsch“ zu, auch der Papstbesuch wird — anstatt daß sich mal alle einfach freuen könnten — zur Vertiefung kirchenpolitischer Gräben genutzt.

Natürlich, trollen ist keine Spezialität der „Papsttreuen“. Auch mir gehen die Hauptamtlichen auf dem Wecker, die auf den Papstbesuch angesprochen abfällig vom „Personenkult“, den sie nicht nötig hätten, schwadronieren. Ebenfalls ist mir nicht verborgen geblieben, daß es „im anderen Graben“ Leute gibt, die sich wünschten, daß der Papstbesuch ein Desaster würde und sogar recht offen jede Unterstützung verweigern (natürlich nicht so, daß man ihnen disziplinarrechtlich eins vors Schienbein treten könnte).

Was mich aber viel mehr ärgert, ist „der eigene Graben“, wo sich nicht wenige nicht nur von jeder Nachricht über die Vorbereitungen in ihrer Ansicht bestätigt fühlen, daß es eine hauptamtliche Verschwörung gegen den Papst und seinen Besuch gäbe, sondern auch noch jede Gelegenheit nutzen, gegen die Vorbereitungsgruppen und die verantwortlichen Bischöfe zu hetzen.

Natürlich kann man Vieles kritisieren, allerdings macht immer noch der Ton die Musik, und im Ton scheinen mir viele angeblich so „papstreue“ Katholiken in letzter Zeit ganz schön daneben zu greifen. Wer eine Entscheidung kritisiert, sollte wenigstens ein bißchen Ahnung von dem haben, was er da kritisiert, und möglichst für eine bessere Alternative werben. Wenn jemand sagt, man solle doch statt vor das Schloß Charlottenburg ins Olympiastadion gehen, ist das konstruktiv. Wenn jemand rhetorisch (!) fragt, ob es denn in Erfurt keinen besser geeigneten Platz als den Domplatz gäbe, dann muß er dumm oder böswillig sein (die Antwort lautet nämlich auf die Stadt bezogen ganz einfach „nein“, aufs Bistum bezogen hingegen „Etzelsbach“).

Bei diesem völlig unkonstruktiven Ton („die deutschen Bistümer können einfach keinen Papstbesuch organisieren“), der jegliche Differenzierung vermissen läßt (wie lange war denn bitte die Vorbereitungszeit? seit wann steht das Programm überhaupt fest? wieviele Leute reden mit [Vatikan, Land, Stadt…]? wie oft haben deutsche Bistümer schon einen Papstbesuch organisiert? wie wollten es denn die Kritiker besser machen?), drängt sich mir der Eindruck auf, daß manche „Papsttreue“ froh wären, wenn der Papstbesuch tatsächlich ein Desaster würde, damit sie sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen können.

Christlich ist anders!

(Anmerkung: Ich bin weder Mitglied im Koordinierungsbüro noch freiwillig in einem „Graben“.)

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