Gesellschaft

Immer wieder fällt mir bei meinen nicht-kirchlichen Aktivitäten auf, wie stark sich andere mit ihren Hobbys identifizieren, wieviel Zeit sie in diese stecken und welche Bedeutung sie für ihre Sozialkontakte haben, sei es Sport, sei es Musik, seien es Rollenspiele, Computer, Internet oder whatever. Ich hätte da nie soviel Zeit reinstecken können, und wunderte mich, wie das überhaupt gehen soll. Als Antwort hatte ich mir zurechtgelegt, daß ich ja stattdessen soviel Zeit in die kirchlichen Aktivitäten steckte.

Mit der Entdeckung der „Mysteria ecclesiae germanicae“ ist diese Deutung allerdings in sich zusammengebrochen: Es gibt parallele Strukturen in der Kirche, in die andere soviel Zeit stecken wie meine Bekannten in ihre nicht-kirchlichen Hobbys, ich jedoch nicht. Da stellte sich mir dann wieder die Frage: Wie machen die das?! Die Antwort ist ebenso banal wie erschreckend: Die haben offenbar keine außerkirchlichen Kontakte.

Umso mehr scheint das sogar für hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche (auch die Laien) zu gelten, die nicht einmal beruflich aus dieser Parallelwelt herauskommen. Im Gegenteil, die innere Logik und Dynamik des hauptamtlichen Kirchenbetriebs zieht einen geradezu da rein, wenn man nicht aufpaßt.

Von da aus ist es nicht mehr weit zur Heuchelei: Es geht um das Überleben im System, nicht um das Wachsen im Glauben, um die Verkündigung des Reiches Gottes, um die Mission. Dementsprechend ist es zwar wichtig, fromme Reden im Mund zu führen, aber nicht ihnen zu entsprechen.

Das muß natürlich nicht die Folge sein, und viele würden sich wohl zu Recht gegen den Vorwurf der Heuchelei verwehren. Allerdings sind mir tatsächlich einige Leute über den Weg gelaufen, die großes Heuchelpotential hatten (und es auch nutzten). Sie hatten ihre Ausbildung offenbar gut verinnerlicht — sie wußten, wie man mit Leuten umgehen „muß“, wie man sich ihnen gegenüber verhalten „muß“, und sie haben das erlernte Programm auch ständig umgesetzt. Nur fehlte es ihnen — zwangsläufig — an der nötigen Authentizität. Wenn sich immer wieder Worte und Verhalten im persönlichen Kontakt auf der einen Seite und Entscheidungen und Organisationshandeln auf der anderen Seite widersprechen, dann gilt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. (Klinge ich eigentlich schon nach Memorandum?!)

Am meisten hat mich allerdings sprachlos gemacht, daß Kritik an entsprechender Inkonsistenz auch noch die Rechtfertigung (und eben keine Verteidigung gegen den Vorwurf!) kam: „So ist die Welt eben.“ Wohlgemerkt von Leuten, die nach eigener Auskunft keinerlei Verankerung in einem Milieu außerhalb der Kirche haben, die also überhaupt nicht wissen, wie es „da draußen“ zugeht. Ganz davon abgesehen, daß es bei uns aber nicht so sein soll…

…gibt es nicht, da sie nicht vermittelbar sind.

2008:
„Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Einführung des Elterngelds und dem Anstieg der Geburtenrate in Deutschland.“

2011:
„‚Der Erfolg des Elterngeldes lässt sich nicht nach kurzer Zeit unmittelbar an der Geburtenrate ablesen‘, sagt die neue saarländische Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).“

Was 2008 noch völlig durchsichtig und für jeden halbwegs denkenden Menschen offensichtlich war, ist 2011 etwas besser verpackt und nicht sogleich als Nullaussage zu erkennen. Doch suggeriert Frau Kramp-Karrenbauer, auf lange Sicht würde dennoch die Geburtenrate durch das Elterngeld steigen.

Das hat unter anderem deshalb nichts mit der Realität zu tun, weil es einen an einer steigenden Geburtenrate erkennbaren Einfluß des Elterngeldes gar nicht geben kann. Denn die Geburtenrate bezieht sich auf Lebendgeborene je 1000 Einwohner und ist damit zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil von langfristigen und unveränderbaren Daten abhängig: der Altersstruktur der Bevölkerung.

Da unsere Gesellschaft seit mehreren Jahrzehnten zunehmend überaltert, ist schon heute klar, daß die Geburtenrate in den nächsten 30 Jahren kontinuierlich sinken wird, egal welche Anreize man setzt. Denn da es in jedem neu in den statistisch als „gebärfähig“ definierten Alterskorridor (15-49) nachrückenden Jahrgang deutlich weniger potentielle Mütter gibt als im gleichzeitig nach oben herausfallenden, müßten die Jüngeren deutlich mehr Kinder bekommen, um die absolute Kinderzahl zu halten. Mit anderen Worten: Auch wenn die Zahl der Kinder pro Frau im „gebärfähigen Alter“ steigt, ja selbst wenn sie die „glorreichen“ 2,1 erreichen würde, kämen absolut immer noch weniger Kinder zur Welt als im jeweiligen Vorjahr. Erst wenn jahrzehntelang die Zahl jenseits der 2,1 läge, könnte auch wieder mit steigender absoluter Kinderzahl gerechnet werden.

Leider gehört Statistik nicht gerade zu den Fachgebieten, für die sich jeder Deutsche interessiert, was auch nicht sonderlich überrascht, werden doch hier nur Verhältniszahlen angegeben, die interpretiert werden müssen. Und nur deshalb kommen Politiker mit solchen Unwissenheitsoffenbarungseiden wie den beiden oben zitierten durch.

Bleibt nur die Frage, ob mit statistischen Diskussionen überhaupt die eigentliche Frage getroffen ist. Wenn nur die Angst vor dem Zusammenbruch der Alterssicherung die Menschen zum Kinderkriegen motivieren sollte, dann täten mir die Kinder leid.

Ein wenig spät bin ich dran mit einem Posting zum 50. Jahrestag des Mauerbaus. Da ich am Samstag ja auswärts war, habe ich mich erst gestern durch die Zeitung vom Samstag gewühlt (und war danach nicht mehr fähig, mein ungütes Gefühl zu verbalisieren).

Ein doppelseitiger journalistische Artikel in der FAZ hatte den treffenden Titel „Der Tag, an dem sich Berlin im Stich gelassen fühlte“, zeigt auf, mit welcher Gelassenheit Nicht-Berliner auf den Mauerbau reagierten und wie das in Berlin (West) zu apokalyptischen Gefühlen führte. In meinen Augen eine Ungeheuerlichkeit! Da setzt sich der Osten über das Vier-Mächte-Statut hinweg (das die Sowjets drei Jahre zuvor allerdings einseitig aufgekündigt hatten), und die Westmächte drehen Däumchen, während sie vorgeführt werden. Nur der damalige Regierende Bürgermeister Brandt bezeichnete die Sperranlagen als das, was sie waren: „Kennzeichen eines Konzentrationslagers“.

Aber ob Bonn, ob London, ob Paris oder Washington: Keine allzu deutliche Positionierung, mehrere Tage bis zum Übergeben einer Protestnote, die auch wieder Deutlichkeit vermissen läßt. Alles in allem: Es ist doch gar nicht mal so schlecht, was da passiert ist. Genau das versucht auch Egon Bahr in einem fast ganzseitigen Beitrag über die politischen Hintergründe im Westen zu erklären, wobei man den Eindruck gewinnt, er versuche eher sich selbst als andere zu überzeugen. Aus dem glücklichen Ausgang von 1989, den 1961 niemand zu erträumen gewagt hatte, schließt er, daß die „besonnene“ Reaktion die richtige war.

Daß dem aber eigentlich nicht so war, zeigen die Details des Jahres 1961. Denn am 13. August wurde nicht die eigentliche Mauer gebaut, sondern die Sektorengrenze nur mit (beweglichem) Stacheldraht gesichert. Der eigentliche Mauerbau begann erst am 17. August. Warum? Weil DDR und Sowjets erst die westliche Reaktion abwarten wollten. Nehmen die Westalliierten ihr im Vier-Mächte-Statut verbrieftes Recht auf freie Bewegung in gesamten „Groß-Berlin“, also auch im sowjetischen Sektor, wahr, indem sie einfach den Stacheldraht zur Seite räumen? Nein, das taten sie nicht, und sie brauchten auch fast eine Woche, um sich auf eine gemeinsame Protestnote zu einigen und sie in Moskau zu überreichen. Erst angesichts dieser praktischen Null-Reaktion wurde mit schon seit Monaten logistisch vorbereiteten dem Bau der Mauer begonnen. Bestätigt wurde diese Deutung durch den Tod des Mauerflüchtlings Peter Fechter, der bei Erkletter der Mauer niedergeschossen wurde, nach Osten zurückfiel und dort fünfzig Minuten lang verblutete — unter den Augen eines amerikanischen GIs, der nach dem Vier-Mächte-Statut das Recht gehabt hätte, die Mauer zu übersteigen, aber sich trotz Aufforderung durch umstehende West-Berliner mit Berufung auf anderslautende Befehle weigerte. Die Westalliierten hatten nicht nur den Bau der Mauer, sondern auch die Aufgabe ihrer Rechte im Ostteil der Stadt akzeptiert.

Warum das so war, erklären zwei entlarvende amerikanische Zitate: „Keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als Krieg.“ (Präsident Kennedy) Und: „Wir wollen abwarten und sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Schließlich hat die DDR-Regierung uns einen Gefallen getan. Dieser Flüchtlingsstrom wurde peinlich.“ (Foy D. Kohler, stellvertretender Außenminister) Auch Egon Bahr erwähnt den Flüchtlingsstrom und daß der Westen bereit gewesen war, sich an stärkeren, nämlich doppelten Kontrollen beim Sektorenübertritt zu beteiligen, um die kaum noch zu integrierende Masse an Flüchtlingen zu reduzieren. Er zieht sogar den Schluß, daß der Mauerbau dem Westen in die Hände spielte. Denn trotz aller Propaganda glaubte wohl niemand ernsthaft, daß die Mauer nicht gegen die eigene DDR-Bevölkerung gerichtet und damit Eingeständnis des Scheiterns des sozialistischen Systems war. Nur einen Aspekt übergeht er: Daß der Mauerbau für den Westen eine Art Gordischen Knoten zerschlug, denn so mußte er nicht eingestehen, daß er eigentlich auch keine Flüchtlinge mehr haben wollte. Der Osten hat mit dem Mauerbau ein Problem des Westens gelöst, das dieser ideologisch eigentlich gar nicht hätte haben dürfen und deshalb nur um den Preis des Gesichtsverlusts hätte überwinden können. Stattdessen hat der Osten sein Gesicht verloren.

Daß die Deutung, mit der „besonnenen“ Reaktion der dritte Weltkrieg verhindert worden sei, nicht weit trägt, zeigen die deutlich unbekannteren, aber dramatischeren Ereignisse des Oktobers 1961. Eigenmächtig und offensichtlich mit mächtig Oberwasser, daß der Mauerbau so problemlos geklappt hatte, begann die DDR, Angehörige der Westalliierten am Checkpoint Charlie, dem nunmehr einzigen Grenzübergang für Amerikaner, Briten und Franzosen in den Ostteil der Stadt, zu kontrollieren. Das ging jetzt dann doch auch den Westalliierten zu weit, und sie taten, was sie mit kaum mehr Konfliktpotential bereits im August hätten tun können: Sie reagierten scharf und mit militärischen Drohgebärden (man beachte die Vollbremsung bei 1:12 und 2:38 — das hätte auch anders ausgehen können!):

Im großen und ganzen entsprach die Reaktion des Westens (Adenauer eingeschlossen) keineswegs den Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden von Freiheit und Demokratie, sondern der Kajaphas-Machtlogik: Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. Nur daß es hier um 17 Mio Menschen in der SBZ und nochmal 2 Mio weitere in Westberlin ging… Unbestritten, daß Gott auch aus solchen Situationen noch Gutes wachsen lassen kann, aber nicht weil, sondern obwohl die Entscheidung so „besonnen“ ist. Mir ist nicht wohl, wenn unschuldiges Leben gegen anderes unschuldiges Leben abgewogen wird.

Im Kommentarbereich zum Sommerloch hat sich der Morgenländer gewünscht, „die Sommerloch-Äußerungen des Bundesinnenministers zum Anlass“ zu nehmen, „einmal über die diskussionskultur im Netz (und über die eigene Schere im Kopf) nachzudenken“. Zunächst mal vorneweg: Ich freue mich, wenn tatsächlich eine sachliche Diskussion zustandekommt, auch wenn das Medium „Blog“ dafür nicht unbedingt die beste Infrastruktur für bietet. Allerdings frage ich mich, ob mit Unterstellungen einer „Schere im Kopf“ da weiter zu kommen ist. Meines Erachtens geht es nämlich nicht um eine „Schere im Kopf“ (weder auf der einen noch auf der anderen Seite), sondern um ein Ausgehen von unterschiedlichen Voraussetzungen und eine unterschiedliche Gewichtung der (vielfältigen) Aspekte, die in die ganze Geschichte reinspielen.

Die Diskussion um Realnamen ist nicht neu. Schon auf dem Höhepunkt des Streits im Usenet vor ca. 10 Jahren wurde im großen und ganzen dieselben Argumente ausgetauscht. Gegen Pseudonyme wurde u.a. angeführt:

  • Wer ein Pseudonym verwendet, scheint nicht öffentlich zu seiner Aussage stehen zu wollen und zerstört so die Diskussionskultur.
  • Die Qualität der Äußerungen von Pseudonymschreibern ist im Schnitt deutlich geringer als die von Realnameverwendern (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Infolgedessen ist es von geringem Nutzen, solche Beiträge überhaupt erst zu lesen. Viele haben tatsächlich auf Pseudonyme gefiltert, so daß ihnen entsprechende Postings nicht mehr angezeigt wurden.

Ich gehörte zwar nie zu den Filterern aufgrund von Pseudonym (ließ sich mit Netscape Collabra gar nicht sinnvoll umsetzen, später war ich nicht mehr in weltanschaulichen Gruppen aktiv, woanders braucht man aber kaum ein Killfile), wohl aber fanden sich in meinem Killfile bevorzugt tatsächlich Pseudonymverwender. Andererseits gab es auch Leute, die unter (scheinbarem?) Realname unsäglichen Dünnschiß von sich gaben.

Zugleich stellt das Filtern aber auch eine Art von „Cocooning“ dar: Man muß sich ja mit den Argumenten der Gefilterten nicht mehr auseinandersetzen. Jede Filterregel war für mich daher immer auch ein Zeichen der Niederlage. Gut, es gab (und gibt) die Diskutanten, die schlicht und ergreifend diskursunfähig sind, weil sie auf jedes beliebige Argument mit denselben Textbausteinen antworten. Irgendwann ist dann halt einfach mal genug. (Ein Beispiel: In einer Diskussion über Kreationismus vs. Evolution brachte es eine Diskutantin fertig, nach über 200 Posts die ganze Diskussion wieder in die Tonne zu treten und sinngemäß zu schreiben: Was soll denn der ganze Mist hier? Könnt ihr nicht in die Bibel gucken? Ich lese da eindeutig, daß die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde. Sie schrieb übrigens unter Realname.) Dennoch erschrecke ich immer wieder, wenn jemand der Meinung ist die Diskussion mit $ANDERE_WELTANSCHAULICHE_GRUPPE hätte einfach keinen Sinn, da sei kein Blumentopf mit zu gewinnen. Meine Erfahrung ist eigentlich eine andere, es kostet nur viel Zeit und die Diskussion muß sich sukzessive auf die grundlegenden Differenzen (meist auf Metaebenen zu suchen) verschieben. Leider bieten weder Blogs noch Soziale Netzwerke dafür die geeignete Technik.

Insofern kann ich die Bedenken gegenüber der gegenwärtigen Diskussionskultur im Internet durchaus verstehen. Allerdings sehe ich das Problem nicht in der (scheinbaren) Anonymität, sondern im (fortgesetzten) Cocooning: Was da als schlechter Stil kritisiert wird, ist meines Erachtens eine Folge der zunehmenden Fragmentierung unserer Gesellschaft, in deren Folge die Denkmöglichkeit einer zum eigenen Fragment abweichenden Meinung als unmöglich erscheint. Oder anders gesagt: Viele Diskutanten sind mit der Empathie für ihr Gegenüber überfordert, wenn es nicht die unhinterfragten Grundannahmen des eigenen Milieus teilt: Like/Dislike, irgendwas dazwischen gibt es nicht mehr. (Josef Bordat hat das einmal ziemlich treffend beschrieben: hier unter „III.Probleme des Web 2.0 und ihre Bedeutung für die Kirche“ — was habe ich für einen Schreck bekommen, als ich das erste Mal feststellte, daß eines meiner Usenetpostings bei Google Groups bewertet wurde, obwohl ich dort überhaupt kein Profil angelegt habe — und dann auch noch mit nur einem Sternchen. Eigentlich hätte ich erwartet, daß jemand mit offensichtlich so divergierender Meinung auf das Posting antwortet. Leider weiß ich bis heute nicht, wer mich da bewertet hat und noch nicht einmal welches Posting da bewertet wurde.)

Keine Frage, die Probleme mit Pseudonymen, insbesondere in der Form, wie sie Morgenländer angesprochen hat, nämlich scheinbare Rezensionen von Nutzern, die tatsächlich aber von Konkurrenten des Anbieters stammen, gibt es. Sie wird man jedoch nicht dadurch lösen, daß man eine (sowieso nicht umsetzbare) Klarnamenpflicht einführt. Denn dieser Forderung ist letztlich auch nur eine Form von „Cocooning“, ausgehend von einer bestimmten Form und einem bestimmten Verständnis von Öffentlichkeit, wie es sie vor dem Internet gab (mit all ihren Zugangsbeschränkungen und anderen Hindernissen). Sie will eine bestimmte Form von Verhalten in der Öffentlichkeit restaurieren, die es aber jenseits der Wahrnehmung der Elite vermutlich nie gab. (Oder wie ich im Kommentar schon schrieb: heute wird wahrgenommen, was früher in der beschränkten Öffentlichkeit eines bestimmten Milieus verblieb — und dort als normal galt.)

In dieser Hinsicht geht die Diskussion meines Erachtens in eine völlig falsche Richtung. Die Frage ist tatsächlich, warum es nicht selbstverständlich üblich ist, im Internet mit Klarnamen zu schreiben. Meines Erachtens scheitert die Anwendung von Kategorien der „Öffentlichkeit“, wie sie vor dem Internet exisierte. Einige Gedanken dazu habe ich im letzten Posting schon angerissen, sie stellen aber mehr eine „Leerstellenanzeige“ dar als einen Lösungsansatz. „Das Internet“ speichert, wertet aus, erstellt Profile, ist auf mehr oder weniger ewig durchsuchbar, die Gnade des Vergessens jahrealter Fehlleistungen ist vorbei. Mit dieser Herausforderung müssen wir umzugehen lernen, sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Daß es mit einer Kultur der Vergebung und Verzeihung was wird (so schön das wäre), da bin ich doch eher skeptisch…

Vermutlich haben alle Leser mitbekommen, daß (mal wieder) die „Keine Anonymität im Internet“-Sau durch das Sommerloch getrieben wurde. Obwohl bisher mir niemand die Frage beantworten konnte, warum dann ausgerechnet der Grundpfeiler der Demokratie, nämlich die Wahlen, geheim ist, ist die Formulierung, mit der die Forderung nach Klarnamen diesmal verpackt wurde, alles andere als uninteressant:

„Normalerweise stehen Menschen mit ihrem Namen für etwas ein. Warum nicht auch ganz selbstverständlich im Internet?“

Würde man sich diese Frage mal nicht nur rhetorisch sondern tatsächlich stellen, ergäbe sich vielleicht ein wenig Erkenntnisgewinn.

Fangen wir doch mal gleich ganz vorne, also bei der Voraussetzung an: „Normalerweise stehen Menschen mit ihrem Namen für etwas ein.“ Was heißt denn hier „normalerweise“? Muß man — wie ich — ein schlechtes Namensgedächtnis haben, um zu bemerken, daß dieses „normalerweise“ ein doch eher seltener Fall ist? Weder die Werber für Unicef noch die missionierenden Pfingstler haben sich heute auf dem Anger namentlich vorgestellt. Bei zufälligen Gesprächen in der Bahn stellt man sich für gewöhnlich auch nicht gleich mit Namen und „Dienstgrad“ vor. Womit man zwangsläufig für etwas einsteht, ist vielmehr das Gesicht. Jemand, der in der Öffentlichkeit mit Sturmhaube auftritt, ruft für gewöhnlich ein nicht gänzlich unberechtigtes Mißtrauen hervor, aber Namensschilder tragen doch die Wenigsten.

Ok, Innenminister Friedrich bezog sich ja auf Blogs, und damit eher weniger auf zufällige Gespräche, sondern mehr auf eine Form der Teilhabe am politischen Diskurs. Gilt das „normalerweise“ also für diesen? Das ist natürlich eine Definitionsfrage, aber auch auf den (wenigen) Demos, auf denen ich bisher war, wurde ich nicht nach meinem Namen gefragt, und bereits das verdachtsunabhängige, standardmäßige Filmen von Demonstrationen durch die Polizei ist nach Ansicht der deutschen Gerichtsbarkeit eine Gefahr für die Meinungsfreiheit oder genauer: das Wissen, von der Polizei wahrscheinlich gefilmt zu werden, kann mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit dazu führen, daß Bürger ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nicht mehr wahrnehmen. Mit anderen Worten: Anonymität ist eine wesentliche Voraussetzung für die Ausübung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung, denn wenn es nur dem zukäme, der sich damit nicht in Gefahr bringen kann, weil er sowieso die Mehrheitsmeinung vertritt, wäre es nicht mehr existent. Ich denke, das dürfte jeder Lebensschützer nachvollziehen können.

Aber schenken wir Friedrich mal die Voraussetzung, indem wir sie als auf eine Form des Publizierens bezogen verstehen. Sowohl Politiker als auch Publizisten leben davon, mit jeder Wortmeldung Eigenwerbung zu betreiben. Insofern ist es normal, daß sie mit ihrem Namen für etwas einstehen. (Daß Politiker in der Regen wenig Hemmungen haben, nach der Wahl irgendwelche Ausreden zu erfinden, warum ihre Versprechungen leider doch nicht umsetzbar sind, lassen wir einfach mal unter den Tisch fallen.) Auch Leserbriefe sind für gewöhnlich mit einem Namen und häufig auch einem Wohnort verbunden. (Auch hier übergehen wir, daß das nicht in allen Publikationsorganen so gehalten wird, daß manche also die Leserbriefe auch nur mit Namen oder gar Vornamen veröffentlichen und dadurch in der Regel bereits eine Anonymisierung stattfindet.)

Dann stellt sich allerdings tatsächlich die Frage: Warum ist das nicht ganz selbstverständlich auch im Internet so üblich? Die Antwort, der man mal wirklich nachgehen sollte, wäre vermutlich eine ganze soziologische Doktorarbeit wert. Mir fallen spontan drei mögliche Gründe ein:

  • Individualisierung: Wer früher publizieren wollte, mußte entweder viel Geld haben oder jemanden mit Geld davon überzeugen, seine Ergüsse zu drucken. Mit anderen Worten: Jeder Veröffentlichung ging vor dem Druck durch einen Relecture-Prozeß, so daß jeder Publizist zumindest eine gewisse Zahl an Personen hatte, die im Falle des Falles „mitgefangen, mitgehangen“ waren. Im Internet kann jeder ohne Geld und ohne Rückversicherung bei anderen publizieren, hat also weniger, u.U. gar keinen persönlichen Rückhalt, auf den er sich stützen kann. Sollte ihn das vom Veröffentlichen seiner Meinung abhalten?
  • Profilbildung: Wer früher publizierte, mußte publizieren bis zum Umfallen um mit einem gewissen Profil wahrgenommen zu werden. Wer neu auf einen Autor stieß, hatte es mitunter schwer, ältere Veröffentlichungen aufzufinden, um sie alle zusammenzuführen hätte er wochen- und monatelang in Bibliotheken und Archiven zubringen müssen. Beim Internet erfolgt die Profilbildung vollautomatisch, auch der durchschnittliche Leser kann mit Hilfe von Suchmaschinen leicht lange Jahre zurückliegende Äußerungen auffinden. Was früher wünschenswert war, nämlich mit einem bestimmten Profil wahrgenommen zu werden, kann heute Fluch sein: Wer nur in seiner Freizeit bloggt, kriegt durch solche leicht zu erstellende Profile möglicherweise schnell Probleme, die er lieber umgeht. Ich jedenfalls habe mich aus solchen Erwägungen heraus schon vor Jahren aus sämtlichen Telefonverzeichnissen streichen lassen. Es muß ja nicht sein, daß ich irgendwann vor die Tür trete und die eine oder andere Faust ins Gesicht bekommen, nur weil ich mich mal gegen die hiesige NPD oder gegen Abtreibung positioniert habe.
  • Subversion: Wer nicht die (politisch korrekte) Mehrheitsmeinung vertritt, muß zusätzlich zur sowieso schon bestehenden Minderheitensituation auch noch die nur scheinbare Marginalisierung durch die Schweigespirale überwinden. Wer das schon einmal live und in Farbe (oder meinetwegen auch nur mit Realnamen) versucht hat, weiß, welchem sozialen Druck er sich aussetzt. Und wird es sich beim nächsten Mal überlegen, ob er sich das noch einmal antut.

Daniel Suarez: Darknet; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011. 474 Seiten.

Es ist eher selten, daß eine Fortsetzung besser ist, als der Vorgänger. Darknet, oder treffender: Freedom, wie der Originaltitel lautet, ist in meinen Augen ein solcher Fall. Maßgeblich dafür ist allerdings, daß Darknet ein völlig anderes Buch als Daemon ist. Hier geht es noch weniger ums Hacken, obwohl der Daemon bzw. das von ihm errichtete weltweite, verschlüsselte, drahtlose Darknet die Hauptrolle spielt.

Während Daemon eher aus der Perspektive von Individuen und ihrer Geschichte/Rolle mit/im Daemon/Darknet geschrieben ist, ist Darknet eher ein soziologisches Buch. Es geht um die Idee eines „besseren“, sozialeren Internets ohne die bösen Wirtschaftsgiganten, vor allem aber dessen befreiende Wirkung auf die Realität, die von raffgierigen „Corporations“, machtlosen Regierungen und ressourcenverbrauchendem, umweltzerstörendem Materialismus befreit werden muß.

So schwarz-weiß und platt, wie ein solcher Plot umgesetzt werden könnte, ist Darknet aber glücklicherweise nicht. Auch wenn Suarez zentrale Gedanken ganz offensichtlich der Globalisierungskritik und dem Kommunitarismus verdankt, arbeitet er auch die Ambivalenz menschlicher Freiheit und die Grenzen heraus. Der Superschurke auf Seiten der alten Ordnung hat ein ihm in Grausamkeit, Gewissenlosigkeit und Brutalität in nichts nachstehenden Gegner auf Seiten des Daemons. Doch genau auf diesen Schurken ist das Darknet aber zu seinem Schutz angewiesen. Durch die Art, wie dieser Schurke die Ressourcen des Darknets einsetzt, wird auch deutlich, daß die Technik selbst ambivalent ist und zu Gutem wie zu Bösem verwendet werden kann. Daher dreht sich ein Großteil des Buches um die Frage, ob die Menschheit überhaupt Freiheit verdient. Wäre es nicht besser, sie unter einem zwar gutwilligen, nicht kompromittierbaren Daemon — man könnte auch sagen: Leviathan — zu versklaven?

Die in der Grundkonstellation angelegte Positionierung des Autors bleibt dennoch erkennbar: Autarke regionale Wirtschaften, regenerative Energiequellen (koste es, was es wolle, das sei alles wirtschaftlich, wenn man denn die Kosten der Nicht-Nachhaltigkeit bisheriger Techniken einrechne), dezentrale (Selbst-)Steuerung der Communitys (Basisdemokratie) und ihrer Produktionskette über das Darknet statt großer Staaten und Firmen. Hier liegt auch die Schwäche des Ansatzes: Die meisten Menschen seien gut, bedeutet hier nicht (nur), sie seien prinzipiell guten Willens, aber korrumpierbar, sondern daß sie mit Hilfe des Daemons/Darknets auch tatsächlich gut handelten. So fällt auf, daß es keinerlei Konflikte innerhalb oder zwischen den Darknetcommunitys zu geben scheint. Wir haben uns einfach alle irgendwie halbwegs lieb — oder: Wer versucht, die Regeln zum eigenen Vorteil auszunutzen, wird über das Darknet bestraft werden. Insofern bleibt am Ende auch offen, ob sich die Menschheit Freiheit verdient hat oder doch unter die (durchaus ganz angenehm erscheindende) Diktatur des Daemons gerät, denn wer hier wen steuert, bleibt am Ende offen: Der Daemon die Menschen oder die Menschen den Daemon. Oder vielleicht die Menschen die Menschen mit Hilfe des Daemon?

Um den Gedanken von gestern weiterzuführen: Im Grunde habe ich durchaus Verständnis für die Suche nach (weitschaftlicher) Sicherheit, denn von hause aus bin ich genau so veranlagt (und es war ein langer Weg vom Wunsch der Verbeamtung wegzukommen :-). Eine solche Suche hat auch nicht zwangsläufig was mit Materialismus oder egoistischen Habenwollen zu tun. Wenn ich nicht weiß, wie ich den heutigen Tag überleben soll, ist es nicht so ganz einfach, sich ganz dem Gottesreich zu widmen. Solche Schwierigkeiten sind in unseren Breiten aber nicht unbedingt der Normalfall (anderswo schon, siehe Ostafrika).

Auch habe ich Verständnis dafür, daß jemand Panikattacken bekommt, wenn er seine Stelle zu verlieren droht, auf deren Existenz er seine Existenz aufgebaut hat. Wo ich aber verständnislos davor stehe, ist die Angst, in einigen Jahren die Stelle möglicherweise verlieren zu können. Ich frage mich, wie man überhaupt erstmal ruhigen Gewissens sich dermaßen von einer bestimmten Einkommenshöhe abhängig machen kann. Ok, wenn die Stelle eine wäre, bei der man sowieso noch aufstocken muß und trotzdem immer am Rande des Untergangs steht, wäre das noch nachvollziehbar. Aber wenn es sich um eine sehr gut bezahlte Akademikerstelle handelt, die Kinder schon lange aus dem Gröbsten raus sind und in der Familie noch ein zweites Einkommen existiert, verstehe ich nicht, woher eine solche Existenzangst kommen kann, daß man für die Erhaltung der noch gar nicht bedrohten Stelle auch über Leichen zu gehen bereit ist. Daß man dabei noch nicht einmal merkt, wie man indirekt an dem Ast sägt, auf dem man sitzt, macht die Sache nur noch unverständlicher. Und sich gleichzeitig zu fragen, was eigentlich mit „Erlösung“ heute gemeint sein könnte, schlägt dann dem Faß den Boden aus…

Da werde ich mal wieder aufgefordet, etwas nachzuweisen, was nicht existiert, nämlich eine bestimmte Form von Einkommen. Nun ist es naturgemäß etwas schwierig, Belege für nicht-existente Einkünfte vorzuweisen, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ist halt so, wenn man nicht ins 08/15-Schema der Behörden paßt.

Der kleine Unterschied ist diesmal aber: Nicht nur die Behörden erwarten, daß beide Elternteile Einkünfte (wohlgemerkt fast immer: aus nichselbständiger Erwerbsarbeit; egal wie hoch die Einkünfte aus anderen Einkunftsarten sind) haben, auch eine ganze Menge Bekannte gehen wie selbstverständlich davon aus, wenn der Vater längerfristig Elternzeit nimmt, geht natürlich die Mutter arbeiten. Unabhängig davon, ob das wirtschaftlich nötig ist oder nicht, ob ein Säugling zu stillen ist oder nicht.

Mich irritieren solche Selbstverständlichkeiten. Auch wenn wir während meiner Elternzeit zu zweit zu hause sind, ist es ja nicht so, daß wir faul auf der Haut lägen. Eine Handvoll Kinder versorgt sich ja nicht gerade von selbst oder mal eben nebenbei. Sicherlich könnte auch einer alleine den Haushalt und die Kinder managen, aber ob das den Kingern gerecht wird, wenn es an der Flexibilität fehlt, auf ihre Bedürfnisse ad hoc einzugehen.

Keiner, der weiß, wovon er redet, wird wohl bestreiten, daß Kinder und Haushalt auch ohne Bezahlung als Arbeit durchgehen. Oder doch? In der FAZ war vor einiger Zeit ein Beitrag über einen Selbstversorgerbauern, der zwar nichts über seinen Eigenbedarf hinaus produzierte, aber auch keinem anderen auf der Tasche lag. Ihm wurde (explizit in einem Leserbrief) vorgeworfen, nicht zu arbeiten, mit der Begründung, er produziere ja nichts. Arbeit scheint heute gleichbedeutend mit Erwerbsarbeit zu sein, was sogar noch hinter Marx zurückbleibt.

Arbeit kann, wenn sie sinnvoll ist, erfüllend sein — wer wollte das leugnen. Kriterium der Erfülltheit ist doch aber kaum die Gehaltszahlung. Oder doch? In der Sonntagspredigt — eine Betrachtung über das Thema „Urlaub“ — hieß es zum Einstieg, wir wären jedes Jahr aufs Neue urlaubsreif, bräuchten eine Auszeit aus dem Streß, seien überarbeitet durch die ständige Forderung, vielleicht sogar Überforderung. Und da sei es gut, eine Unterbrechung des Alltags zu haben, im Urlaub uns Gott zuzuwenden und von ihm stärken zu lassen.

Warum lassen wir sowas mit uns machen? Ich denke, das sind alles Beispiele dafür, daß das ganze Koordinatensystem nicht stimmt. Wenn ich vom Alltag gestreßt bin, ist dann keine Zeit für Gott die Folge oder vielleicht eher sogar die Ursache? Daß ich unbedingt etwas machen oder erreichen will, wozu ich nicht befähigt und berufen bin, sondern was ich mir um meines Egos willen in den Kopf gesetzt habe? Daß Produktion von Geldwert wichtiger ist als Gott?

Update: Noch ein Indiz.

Daniel Suarez: Daemon. Die Welt ist nur ein Spiel; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010. 622 Seiten.

Mathew Sobol, schwerreiches Computergenie und Chef einer erfolgreichen Online-Spiele-Firma, stirbt an einem Gehirntumor. Die Nachricht seines Todes löst über das Internet andere Ereignisse aus. Ein Daemon — in UNIX-Betriebssystemen ein im dauerhaft im Hintergrund laufendes Programm, das auf bestimmte Auslöser hin bestimmte Prozeduren auslöst — ist redundant im Internet verteilt und ganz offensichtlich von Sobol selbst dort plaziert worden. Die ersten Aktionen, die der Daemon nach Erfassen der Todesnachricht Sobols auslöst, sind Morde an Chefentwicklern von Sobols Unternehmen, die vermutlich zuviel von der Programmierung des Daemons wußten. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn während die MMORPG-unerfahrenen Cops und Feds nicht den leisesten Schimmer haben, womit sie es hier zu tun haben, wirbt der Daemon über Sobols Computerspiele Hacker, die trotz hoher Computerkenntnisse auf der Verliererseite der Gesellschaft stehen, und andere Menschen, die nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen haben, an, verschafft sich Geldquellen, aus denen er seine teuren „Augen“, „Ohren“ und „Hände“ in der realen Welt finanzieren kann, und beginnt, ein riesiges Unternehmen zur Umstrukturierung der Gesellschaft aufzubauen — kurz: er wird mit jeder Sekunde mächtiger.

Ich bin an das Buch mit der Erwartung herangegangen, es sei ein Cyberpunk-Roman. Am Anfang wurde diese Erwartung auch im wesentlichen bestätigt, zumindest ist der erste Teil ein Hacker-Roman, in dem mit Wissen und Können die Technik auszutricksen ist. Dieser erste, knapp das halbe Buch umfassende Teil ist spannend, in sich geschlossen und endet mit einem würdigen Abschlußsatz, der die ganze vorherige Geschichte nochmal in einem anderen Licht erscheinen läßt.

In diesem ersten Teil wird auch die Grundidee des Buches entfaltet, für die es zurecht landauf, landab gelobt wird. Denn was dort beschrieben und entwickelt wird, ist eigentlich keine Science Fiction. Zwar bezieht das Buch viele Grundmotive aus dem Cyberpunk-Genre, Teile der Grundkonstellation ähnelen sogar so stark der Neuromancer-Trilogie (genauer: Count Zero; wesentlicher Unterschied: Joseph Virek vegetiert noch vor sich hin, Mathew Sobol ist schon tot), daß ich nach 200 Seiten schon fast keine Lust mehr hatte weiterzulesen. Der wesentliche Unterschied liegt aber darin: Als William Gibson von Cyberspace und Matrix schrieb, war das Internet noch eine technisch aufwendige Idee, und was in seinen Büchern dort geschieht, war tatsächlich Science Fiction (und ist es größtenteils bis heute). Was Suarez beschreibt, ist technisch keine große Schwierigkeit, es bräuchte tatsächlich nur jemanden, der es sich leisten kann, und auch dort bleibt Suarez durchaus im Rahmen des Möglichen. Und das ist das eigentlich Erschreckende des Buches: Daß es bewußt macht, was technisch bereits Realität sein könnte, ohne daß wir es merken.

Leider konnte Suarez nicht der Versuchung widerstehen, die Geschichte weiterzuschreiben — mit je etwa halbjährigen Sprüngen schließen sich zwei weitere Teile an, in denen es immer weniger um die Technik und ums Austricksen derselben durch Hacken geht, sondern um die klassische Action-Thriller-Konstellation: Die gute Seite versucht die böse Seite aufzuhalten. Dabei fehlt es nicht nur am Hacking, das (nur) noch am Rande vorkommt, weil es sich in der Anti-Daemon-Task-Force wohl nicht ganz vermeiden läßt, sondern Daemon gipfelt in einer gigantischen Materialschlacht, in der nur noch ein einziger Clou steckt, nämlich daß sich eine der beiden Parteien als in sich gespalten entpuppt und damit eine dritte Partei zwischen Daemon und Regierung auftaucht. Daran ist aber nichts mehr „tricky“, nur noch Action.

Hinzu kommen zu viele parallele Storylines, die mitunter zu lange nicht weitergeführt werden, so daß Figuren, wie Anji Anderson und Brian Gragg, die im ersten Teil eine zentrale Rolle spielten, in den weiteren Teilen nur noch am Rande vorkommen, aber keine eigenständige Entwicklung mehr durchschreiten, und ihre Funktion für die Geschichte übernehmen andere, neu eingeführte Figuren. Man könnte dies als die Austauschbarkeit der Personen für den Daemon interpretieren, aber wenn Brian Gragg, eine der zentralen Figuren für einen Handlungsstrang des ersten Teils, am Ende plötzlich als einer der mächtigsten Agenten des Daemons auftritt, ohne daß sein Weg dorthin eine Rolle gespielt hätte, dann funktioniert diese Interpretation nicht mehr.

Auch fehlt mir die Ambivalenz sowohl der Technik als auch der Charaktere. Während bei Gibson & Co die Helden nur ein kleines bißchen weniger verrückt sind als die ihrerseits auch nicht eindeutig bösen „Schurken“ (die vielleicht einfach bloß eine kleine Dosis mehr des um sich greifenden Wahnsinns abbekommen haben), wird bei Suarez, je näher man dem Ende kommt, immer deutlicher, daß auch der Daemon selbst in ein Schwarz-Weiß-Schema gepreßt wird, das durch die Spaltung der einen Gruppe nur noch deutlicher statt ambivalent wird. Der Leser ist am Ende geradzu versucht, den verbliebenen Teil der einen Gruppe plötzlich ihrem ursprünglichen Gegner zuzuschlagen, was nicht nur an dem unumgänglichen Seitenwechsel einer Hauptfigur liegt.

Während der erste Teil also ein absoluter Brecher ist, wurde mir im zweiten und dritten Teil stellenweise sogar langweilig. Vielleicht ist meine Erwartungshaltung „Cyberpunk“ fehlerhaft gewesen (die zum Teil als Verneigungen vor dem Genre zu verstehenden Referenzen sind aber überdeutlich, etwa vor „Snow Crash“, wenn im letzten Kapitel des Buches völlig irrelevant für die Handlung Mythologie und Poetik als informatischer Code interpretiert werden). Das Augenöffnende des ersten Teils aber läßt auch den Rest des Buches flüssig lesen. Und wer nicht so sehr auf Hacking und Cyberpunk steht, wird vielleicht zum genau entgegengesetzen Urteil kommen.