Evangelisation

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Es soll ja angeblich unheimlich viele Probleme mit ausländischen Priestern geben. Das kann ich mir, nach heutiger erneuter „Begutachtung“, gut vostellen. Da kommen nämlich Priester, die nicht nur tatsächlich glauben, sondern aufgrund ihrer beschränkten Sprachkenntnisse auch einfach auf den Punkt kommen müssen. 5 Minuten knackige Predigt mit der Kernaussage im ersten Satz: So ihr nicht betet, so glaubet ihr nicht! Daß das nicht in allen weichgespülten Pfarreien ankommt, ist nun nicht wirklich verwunderlich.

Na gut, manchmal gibt’s wirklich ernsthafte Probleme. Wir hatten mal einen vietnamesischen Priester zur Vertretung. Bei dessen Aussprache habe ich selbst im Hochgebet nicht immer gewußt, wo er gerade war. Aber die meisten, die ich erlebt habe, von Polen über Afrikaner bis Inder, hatten zwar einen deutlichen Akzent, waren aber  besser verständlich als so mancher Deutscher mit leiser Stimme oder schludriger Aussprache.

Ein Priester hat mal sehr deutlich zu gewissen Marotten in den Fürbittenformulierungen (vor allem Einleitung und Abschluß) gesagt, man müsse doch den lieben Gott nicht belehren. Daher dachte ich, als kürzlich ein anderer Priester ein Gebet formulierte, das mehr an die anwesenden Gläubigen gerichtet zu sein schien als an Gott, frei nach Clausewitz: „Gebet als Fortsetzung der Katechese mit anderen Mitteln.“

Nun habe ich das mal bei Google eingegeben und bin auf dieses Ergebnis gestoßen. Ehrlichgesagt bin ich bei den Hymnen nie auf die Idee gekommen, die könnten „belehren“. Klar, im Glauben stärken und auch das Staunen über die Heilsgeheimnisse lebendig halten. Aber belehren hieße doch, ich lerne (im rein rationalen Sinne) da was. Mein „Lerneffekt“ ist eher ein emotionaler. Oder habe ich da ein falsches Sprachempfinden?

Vielleicht drückt sich in dem verlinkten Text auch nur ein Unverständnis dafür aus, daß Wissen und Glauben, Lehren und Frömmigkeit doch mehr miteinander zu tun haben könnten, als sich das viele heute vorstellen können…

Am späten Abend stieß ich in der gestrigen FAZ auf einen wunderbaren Artikel auf der allerletzten Seite der Reiseblattbeilage, den ich nur empfehlen kann. (Leider gibt es ihn nicht online, bzw. nur im FAZ-Archiv: Petra Putz: „Ich bin neunzig! Das ist mein Geburtstagsgeschenk“; FAZ, 6. Mai 2010, S. R10.)

Petra Putz berichtet hier mit viel Witz, vor allem aber Einfühlungsvermögung und Liebe, von der Fahrt zu den Passionsspielen im Jahr 2000 als Begleiterin ihrer damals 90jährigen Großmutter. Die äußeren Umstände — lauter Langhaarige, Regen, Matsch, Lehm –, die ihr den Zugang über die eigene Erfahrung (Rockfestivals) ermöglichten, vor allem aber die geradezu jugendliche Begeisterung ihrer Oma („Meine Oma neben mir sah die Helden ihrer Jugend. Mit geradem Rücken verfolgte sie jede Geste, jedes Wort auf der Bühne. […] Hellwach entging ihr kein Detail der ‚Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu‘, die sie offenbar so gut kannte wie bekennende Dylanologen die Setliste aller Konzerte der letzten drei Jahrzehnte.“), hat ihre Einstellung zu Oberammergau und mutatis mutandis auch zur Bibel verändert. Der Bericht schließt:

„Meine Oma ist vor zwei Jahren gestorben. Mit 98 Jahren. Nicht weil sie krank war, sondern weil sie nicht mehr leben wollte und die Sehnsucht nach ihren Helden zu groß geworden war. Wenn ich das nächste Mal zur Passion fahre, werde ich vorher ausgiebig die Bibel studieren. Seit Oberammergau weiß ich, dass jedes Festival Spaß machen kann — man muss nur mit eingefleischten Fans hinfahren und die Texte kennen.“

Wer es irgendwie hinkriegt, diesen Artikel in die Finger zu bekommen: unbedingt lesen! Es lohnt sich.

Zu der Fußnote hier noch ein etwas jüngeres Erlebnis:

Ich saß mit 11 anderen an einem Tisch (na gut, es waren mehrere zusammengeschobene Tische). Im Laufe der Zeit stellte sich raus, daß sich immerhin vier Ordensangehörige, davon drei Priester, sowie ein Weltpriester darunter befanden. Kein einziger Priester war als solcher erkennbar. Der Laienbruder aber, der sich traute, Habit zu tragen, wurde bald darauf in der Öffentlichkeit interessiert angesprochen…

Mich wundern weniger die Angriffe von außen, die vielen Nicht-Katholiken, die so genau wissen, was die Kirche ändern muß. Die lassen mich weitgehend kalt. Mich wundern auch nur bedingt Angriffe der üblichen innerkirchlichen Verdächtigen von IKVU, BDKJ und bestimmten Theologen. Da macht mich höchsten aggressiv, daß keiner was dagegen sagt. Mich wundert angesichts dessen auch nicht, wenn 08/15-Gemeindemitglieder der Meinung sind, die Kirche sei Scheiße. Das läßt mich zu Provokationen neigen, wobei das bei mir hier eher selten vorkommt. (Der einmaligen Aussage „Taufe hat doch heute mit Erbsünde nichts mehr zu tun“ steht die Beobachtung gegenüber, daß vermeintlich unzeitgemäße Frömmigkeitsformen wie Rosenkranz etc. völlig selbstverständlich sind, Mundkommunion kaum ein Kontroversthema ist und überhaupt etwas mehr Hermeneutik der Kontinuität verbreitet zu sein scheint. Jedenfalls scheinen mir einige ältere Gemeindemitglieder ab 60 aufwärts ihre „vorkonziliare“ Frömmigkeitsbildung nie völlig abgelegt zu haben.)

Was mich aber verwundert und traurig macht, sind plötzliche, quasi zusammenhangslose Spitzen gegen die Kirche und ihre Lehre von Leuten, die sonst eigentlich durchaus was für die Verbreitung des Glaubens tun (wollen) und (in einem Fall) sogar mal deutlich gesagt haben, gegen diese „Was aus Rom kommt, ist eh Scheiße“-Einstellung hätten sie schon immer was gehabt.

Kann es eventuell sein, daß es in kirchlichen Kreisen teilweise sowas von zum guten Ton gehört, über die Kirche herzuziehen, daß selbst solche, die eigentlich die Kirche lieben, meinen, sie müßten gelegentlich auch mal was gegen die Kirche sagen, weil sie sonst Außenseiter seien?

Eigentlich hatte ich in Anknüpfung an das Posting über das Häßliche und Obszöne an eine kleine Hommage an H.R. Giger (u.a. der künstlerische Vater des Alien) gedacht, der just heute 70 wird. Allerdings war ich mir dann doch nicht sicher, ob ich selbst die jugendfreien Bildern allen meinen Lesern unvorbereitet zumuten kann… ;-P

Darum also doch ein Posting zu einem Artikel, über den ich mich heute geärgert habe (Wolfgang Pauly, Mission – Inkulturation – reziproke Interkulturation. Aspekte zur Begegnung zwischen Christentum und anderen Kulturen, in Orientierung 73, 2009, 123-125):

Uargh! Wie soll das mit der Inkulturation denn funktionieren, wenn sie offenbar bedeutet, möglichst viel über Rom und europäische Theologie zu schimpfen – obwohl man sie offenbar gar nicht verstanden hat?! Dient „Inkulturationstheologie“ nur dazu, das eigene Unwissen zu kaschieren?

Das „Prinzip der Relationalität“ (in der pseudo-südamerikanischen „andinen Philosophie“, die sich natürlich ein in Südamerika lebender Europäer ausgedacht hat, natürlich in Anknüpfung an das Denken der Indios; ist wohl nur zufällig total modern) paßt so wunderbar zur mittelalterlichen Metaphysik, daß es geradezu ein Irrsinn ist, wenn als Fazit Gott nicht mehr als „das Absolute“ anerkannt werden kann, weil das bedeutete, daß Gott aus aller Relationalität herausfalle und folglich nicht das volle Sein, sondern Nichts sei. Daß die aristotelische Metaphysik bezüglich der Eigenschaft Relation (Beziehung) so ihre Schwächen hat, d’accord. Aber kein geringerer als Thomas von Aquin selbst baute seine Trinitätstheologie genau auf der nun als wesensbestimmend verstandenen Relation auf, die nach Aristoteles die schwächste aller Akzidenzien ist!

Und so hat Thomas die Relation dermaßen aufgewertet, daß sie mit der „andinen Philosophie“ locker flockig kompatibel wäre – wenn man denn nur wollte und Gott Gott sein ließe: Denn als der Absolute – und der damit tatsächlich aus der dieser Welt immanenten Relationalität Herausfallende – ist Gott gerade Grundlage und Möglichkeitsbedingung von Beziehung, Relationalität! Man müßte ihn dann halt nur als Schöpfer und die Beziehung zu ihm als eine besondere, nicht gleichberechtigte, sondern asymmetrische anerkennen.

Vielleicht sollte man da mal mit Theologie und nicht mit (meist auch noch idealistischer) Philosophie rangehen. Dann klappt’s womöglich auch mit der Inkulturation. Doch irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß das gar nicht gewollt ist, daß die „Inkultutrationstheologie“ aktiv an der Destruktion einer bestimmten kulturellen Ausprägung des Christentums, nämlich der römischen, gearbeitet wird. Was sollte sonst etwa der (selbst im Kontext von Inkulturationstheologie) völlige Quatsch, Inkulturationsergebnisse von sonstwo nach Europa, also einen ganz anderen kulturellen Raum, importieren zu wollen? Statt dem verdammten Eurozentrismus jetzt also Eurorelativismus…

Nachtrag: Wenn sich sogar die Kritik an „auf die konkreten Wünsche für ein gelingendes diesseitiges Leben“ ausgerichteten neuen religiösen Bewegungen in Japan einzig und allein auf „die Nähe mancher Gruppe zu ultrakonservativen politischen Bewegungen und deren meist unhinterfragtes Autoritätsverständnis“ (S. 124) beschränkt, fällt mir zu dieser Theologie- und Transzendenz-, ja Gottesvergessenheit echt nichts mehr ein – außer: Wo ist hier eigentlich die geforderte vorurteilsfreie Offenheit gegenüber einer fremden Kultur?

Vor ein paar Tagen hat Elsa eine kathweb.at-Meldung aufgegriffen, nach der Pater von Gemmingen, 27 Jahre lang Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, in einem Beitrag in der Herderkorrespondenz die vatikanische Medienarbeit kritisiere – was natürlich in dieser Form auf ihn selbst zurückfiele, wie Elsa zu Recht andeutet.

Der eigentliche Witz an dieser kathweb.at-Meldung ist, daß sie genau das tut, was Pater von Gemmingen in der HK kritisiert: Die Medien drehen jedem Katholiken das Wort im Munde um.

Als ich in einer Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) die Frage beantwortete hatte, ob der Papst nach dem Williamson-Debakel zurücktreten könnte, schrieb eine Agentur „Gemmingen spekuliert über Papstrücktritt.“ Diese Schlagzeile war völlig falsch, denn ich hatte eindeutig gesagt, der Papst werde wegen Williamson nicht zurücktreten.

Genau so funktioniert auch die kathweb.at-Meldung: Was die Nebenschauplätze angeht, kritisiert der Pater eigentlich die deutsche Öffentlichkeit, die sich an solchen Themen aufgeilt, was die „Unprofessionalität“ der vatikanischen Öffentlichkeitsarbeit angeht, kritisiert er die Gesetze der heutigen Medienwelt, die immer oberflächlicher werde und natürlich nur schlechte Nachrichten bringe. So schreibt er etwa über die Kondomgeschichte auf der Afrikareise, daß jeder halbwegs gebildete Afrikaner über die Europäer nur den Kopf schütteln konnte, daß sich die nicht für die wichtigeren Themen interessierten, die der Papst in Afrika sehr treffend benannt hätte. Des weiteren stellt er sich vor Benedikt, der es im Schatten des mediengewandten Johannes Paul II. nicht leicht habe:

Die Welt will Bilder und Events, will Oberflächlichkeiten und Schlagworte. Er [JoPa] hat dieses Bedürfnis auch bedient. […] Er war ein „Papst zum Sehen“. Benedikt ist ein „Papst zum Hören“. Aber wer kann heute schon zuhören?

Erst auf der letzten halben Seite kommt er zum vorher mehrfach schon angedeuteten Anliegen, an der vatikanischen Pressearbeit etwas zu ändern – weil das eher möglich sei, als die gesellschaftlichen Realitäten und die Funktionsweise der Medienwelt. In diesem Kontext steht dann auch erst die Forderung nach einer eigentlichen Medienpolitik. Das klingt allerdings sehr viel harmloser, sachlicher und differenzierter, als wenn man das aus dem Zusammenhang reißt und so indirekt dem Vatikan (und nicht der deutschen Öffentlichkeit) die Schuld an den „Nebenkriegsschauplätzen“ gibt.

Dabei schreibt er auch ganz deutlich, daß die Kirche sich keineswegs einfach anpassen dürfe, es gäbe nuneinmal eine Differenz zwischen Evangelium und Welt. (Und, das sei einmal von mir angemerkt, vielleicht will sich die Welt auch einfach bloß darum drücken, sich mit dieser Differenz auseinanderzusetzen.) In diesem Kontext beschreibt er auch den Relativismus als Grundproblem vatikanischer Öffentlichkeitsarbeit: Die Kirche muß verkündigen, muß ihre Wahrheit verkünden, aber die Welt ist skeptisch gegenüber jeglichem Wahrheitsanspruch. „Zwei Welten stoßen aufeinander“ lautet eine Zwischenüberschrift.

Er meint jedoch, daß der Vatikan durch ein paar kleine Änderungen und etwas mehr Koordination seiner vatikanischen Medienarbeit, die öffentliche Meinung durchaus stärker beeinflussen könnte als durch eigene Zeitungen, Radios und Internetseiten. Denn diese seien gerade wegen ihres Urheber kaum meinungsbildend, und daran könne der Vatikan auch nichts ändern (s. o.: Evangelium und Welt). Den größten Impact hätten vielmehr die Meldungen der Nachrichtenagenturen, und hier müßte der Vatikan mit seiner Beeinflussung anfangen.

Damit habe ich schon einen Begriff gebraucht, den der Pater nicht verwendet: Beeinflussung. Denn genau darauf laufen doch die genannten „Mediengesetze“ hinaus: Manipulation. Wollen wir das wirklich? Manipulation anstelle der Kraft des besseren Argumentes? Pater von Gemmingen deutet meiner Meinung nach die Antwort am Ende selbst an:

Die hoch interessante Auseinandersetzung zwischen Evangelium und moderner Welt muss ins Zentrum der Medienarbeit. Dafür wäre der Theologe Joseph Ratzinger auf dem Petrusstuhl eigentlich die richtige Person. Was er braucht, sind kreative Mitdenker.

In dieser Auseinandersetzung wird die Kirche keine Sonne sehen, wenn sie sich auf die Regeln der Welt einläßt. (Just my 2 Cents.)

Nachtrag zur Lebenswende:

Kernargument dafür, daß in der Lebenswendefeier recht wenig von christlichen Kernwahrheiten die Rede ist, war ja, daß der Zielgruppe überhaupt erstmal die Grundlagen für diese Wahrheiten, nämlich die Denkmöglichkeit von Transzendenz, nähergebracht werden muß. Jetzt bin ich über ein Interview mit Weihbischof Dr. Hauke in der Herder-Korrespondenz 12/2009 (610-615) gestolpert, das das indirekt aus seinem Munde bestätigt:

Wie soll man draußen erzählen, was einem selbst wichtig ist? Man weiß das zwar alles schon, rein theoretisch. Dies aber zu formulieren ist äußerst schwierig, erst recht gegenüber Menschen, die keinerlei oder kaum Kenntnis vom christlichen Glauben besitzen. In der öffentlichen Verkündigung müssen wir so immer wieder verinnerlichen, dass wir es mit Menschen zu tun haben können, die keinen religiösen Hintergrund haben. Wir können deshalb nicht ohne weiteres beispielsweise von Gnade, Sühne, Barmherzigkeit reden; das wird im außerkirchlichen Bereich kaum verstanden.

[…]

Vor allem im Umgang mit erwachsenen Taufbewerbern spüre ich immer wieder, wie ich um Worte ringe. In der gemeinsamen Bibellektüre mit den Taufbewerbern versuche ich dann zuerst den Horizont zu weiten auf ein geschichtliches Denken, auf dieses sinn-deutende Denken der Bibel hin.Wir dürfen dabei aber nicht nur die Schwierigkeiten sehen. Durch dieses Herausgefordertsein in einem nichtreligiösen Umfeld klärt sich auch vieles für uns Christen selbst, was den eigenen Glauben angeht.

[…]

Der Religionsunterricht ist eine große Chance, Menschen mit dem Glauben bekannt zu machen, freilich zunächst auf der Informationsebene. Wir müssen erklären, was Christen glauben, was ihr Leben sinnvoll macht. Wir sagen den Schülern zuallererst, dass es sinnvoll ist, sich mit dem Glauben zu beschäftigen, um in einer christlich geprägten Kultur zurechtzukommen. […] Natürlich aber müssen wir auch damit rechnen, dass viele das lediglich zur Kenntnis nehmen, es sie dann aber nicht weiter berührt. Bei manchen aber entsteht daraus die Frage nach dem Sinn des Ganzen.

[…]

Wenn ich diese [missionarischen] Projekte vorstelle, betone ich zunächst immer, dass sich, was in Erfurt beispielsweise möglich ist, nicht überall eins zu eins übersetzen lässt. Entscheidend ist, dass wir lernen, quasi von außen zu schauen, was Kirche tut. Das ist sehr heilsam.Wir müssen uns doch beispielsweise immer wieder fragen, mit welchen Worten wir formulieren, was uns wichtig ist. Oder gucken wir uns doch beispielsweise einmal die Schaukästen unserer Gemeinden an. Was findet dort jemand, der bislang keinen Kontakt zur Kirche hat und wissen möchte, was katholische Kirche eigentlich ist? Wir müssen uns viel öfter noch von außen anschauen und fragen, ob wir wirklich verständlich sind. Schreiben wir doch in Schaukästen und auf die Gemeinde-Homepage, was Fronleichnam oder Pfingsten für uns bedeutet!

Das Interview ist übrigens auch darüber hinaus durchaus lesenswert, da geht’s auch um andere missionarische Projekte (übrigens sogar das Kolumbarium! – deshalb geht es allerdings gerade nicht um die Frage der Feuerbestattung) und deren Hintergründe. Nett war etwa:

In dem „Buch der Anliegen“ im Dom stand jüngst: „Gott ich glaube nicht an Dich, aber pass’ auf meine Oma auf, die jetzt im Himmel bei Dir ist.“ Natürlich lässt sich sagen, dass das widersprüchlich ist: Ich habe die Sehnsucht nach Geborgenheit, aber ich habe auch Angst vor der Konsequenz, dass, wenn ich mich öffne und sage, es gibt einen Gott, ich mich ja auch ein bisschen um diesen Gott kümmern muss. Wir als Kirche sollten uns aber immer fragen, wie hoch unsere Schwellen sind, und ob es uns gelingt, den Menschen zu zeigen, dass sie etwas gewinnen können und nicht nur, dass sie etwas verloren haben.

Und dann gibt’s noch zwei volle Breitseiten:

Ich erlebe derzeit viel zu viel Verlustangst in der Kirche und die Angst, sich auf Neues einzustellen. Es herrscht ein Geist der Besitzstandswahrung. Dabei merkt man, dass es nicht weiter geht wie bisher, Gesellschaft und Kirche verändern sich so schnell. Die Kirche in Deutschland erlebt einen echten Umbruch und vielleicht sind wir in den neuen Ländern in diesem Prozess schon etwas weiter. Wir Christen sind herausgefordert, neu zu denken und das Wertvolle unseres Glaubens neu zu sehen. Es ist keine Katastrophe, man kann auch in der Diaspora als Christ leben. Kirche kann auch in dieser Situation existieren, uns droht nicht der Super-GAU. Das zu akzeptieren und zu verstehen ist entscheidend, damit wir uns nicht lähmen lassen. Die Anfrage eines Menschen von außen, der mich ganz unvorbelastet nach der Kernaussage des Christentums fragt, darf mich nicht in Empörung verstummen lassen. Ich brauche keine Angst zu haben vor den Fragen der Menschen.

[…]

In zehn oder zwölf Jahren werden wir keine Pfarrer mehr an jedem Ort haben, auch dort nicht mehr, wo heute noch welche sind. Wir müssen also die Gemeinden langsam wieder damit konfrontieren, dass der Hirt der Gemeinde Christus selbst ist. Christus leitet die Gemeinde. Ich wage zu sagen: Dass Christus das Zentrum der Gemeinde ist und nicht der Pfarrer, das haben die Gemeinden und auch viele Pfarrer selbst viel zu sehr verdrängt.

Wir sollen durch das Gute und Schöne Gott erkennen, wird es in einem Fastenhirtenbrief heißen. Das liegt ja auch auf der platonisch geprägten theologischen Linie unseres Papstes. Aber ich weiß nicht… Irgendwie bin ich da aristotelischer drauf (wie passend, am Fest des hl. Thomas von Aquin 🙂

Natürlich kann ich Gutes und Schönes in der Welt entdecken, und, ja, das ist für mich auch auf den Schöpfer hin durchsichtig (meistens, mehr oder weniger). Aber meine Erfahrung (Aristoteles läßt grüßen 🙂 erschöpft sich nicht im Guten und Schönen. Sie ist zu einem nicht geringen Teil von Negativem geprägt, das gerade im Kontrast zum Schönen und Guten den Schöpfer in Frage zu stellen scheint.

Nun hat der Glaube darauf ja durchaus Antworten, die heute leider nicht mehr in ihrer Tiefe verstanden zu werden scheinen, geschweigedenn herausgekehrt werden. Dabei habe ich schon den Eindruck, daß genau darauf viele Menschen unbewußt warten.

In nämlichem Fastenhirtenbrief wird das Ausgießen von Häßlichem und Obszönem in der Kunst beklagt, die es nicht einfacher machten, das Gute und Schöne zu entdecken und dadurch den Schöpfer. Vielleicht ist das nicht ganz falsch. Vielleicht verhindert das Häßliche und Obszöne tatsächlich die Gotteserkenntnis.

Aber das ist doch die Erfahrung von der ich ausgehen muß! Wenn ich das nur beklage (der Fastenhirtenbrief wird an späterer Stelle darüber hinaus- und durchaus auf Leid und Kreuz eingehen), dann wirkt das doch, als ob ich mich der Wirklichkeit verweigerte. Insofern bin ich doch mal bei der „Politischen Theologie“ (deren Konsequenzen ich nicht wirklich teile). Auch wenn „Theologie nach Auschwitz“ inzwischen reichlich ausgelutscht ist, ohne ein verwertbares Ergebnis hervorgebracht zu haben (wollte sie, wenn ich sie richtig verstanden habe, auch gar nicht, sondern nur alle vorschnellen Antworten destruieren), hat sie in dem Punkt recht, daß wir das Häßliche und Obszöne nicht einfach als „ideologisch unpassend“ beiseiteschieben können (denn wenn wir das machen, wird aus unserem Glauben tatsächlich eine Ideologie).

Das Häßliche und Obszöne in der Kunst: Ist es nicht gerade auch Ausdruck der Wirklichkeitserfahrung, die eben den Schöpfer radikal in Frage zu stellen scheint? Ist die Klage darüber nicht vielleicht das Einschlagen auf den Boten, der die unangenehme Botschaft überbringt? Gerade weil man sich seiner Antwort gar nicht so sicher ist? Gerade weil man spürt, daß hier vom Schöpfer als dem Richter die Rede sein müßte, man das aber nicht sagen will (ein wenig zu viel Balthasar scheint mir im weiteren des besagten Hirtenbriefes auch durch)?

Das Häßliche und Obszöne in der Kunst spricht mich tw. durchaus an. Vor allem gibt es dort eine mitunter verstörende Schönheit zu entdecken, die viel tiefere, weil erhabene Schönheit ist, und so wiederum eine erstaunliche Nähe zu gewissen Ästhetiken kirchlichen Ursprungs aufweist.

Wenn ich mir was zum heutigen Fest wünschen darf: Daß die christliche Kunst die Erhabenheit wiederentdecke!

Elsa wunderte sich vor einiger Zeit über die „Feier der Lebenswende“, einer Art katholische Alternative zur atheistischen Jugendweihe, und fragte sich

ob es jetzt um die atheistische Jugendweihe geht, oder eine Form der Jugendweihe, die als alternativer christlicher Ersatz – freilich ohne Sakramentenspendung, um selbstverständlich, da sei Gott vor, niemanden über Gebühr zu fordern: Vor allem natürlich nicht den Priester in der Strapaze, christliche Wahrheiten stringent zu vermitteln,- oder letztlich whatever gehen soll? Was wird das denn bitte? Ein achtes Sakrament?

Nachdem jetzt die Weihnachtspause vorbei ist, kann ich endlich was Substantielles beitragen. Eins jedoch noch vorneweg: Elsa war auf die „Lebenswende“ auf den Seiten des Bistums Magdeburg gestoßen, mein „Informant“ hat beim „Original“ in Erfurt als Ehrenamtlicher mitgemacht. Deshalb vorweg: Jeder „Veranstalter“ der „Lebenswende“ ist selbständig und greift nur die Grundidee auf. Es kann also sein, daß die Feier in Magdeburg anders abläuft und andere Hintergründe hat als die in Erfurt.

Die ursprüngliche Initiative ging nicht von kirchlicher Seite, sondern von ungetauften Jugendlichen aus, die die katholische Edith-Stein-Schule besuchten. Dort ist Religionsunterricht für alle Pflichtfach, die „Heidenkinder“ (ich zitiere!) bekommen jedoch in der fünften und sechsten Klasse einen Crash-Kurs „Religion“. Genau dieser Religionsunterricht, unter anderem vom damaligen Erfurter Dompfarrer (und heutigen Weihbischof) Dr. Reinhard Hauke gegeben, und obwohl (oder gerade weil?) er rein informativ und nicht (direkt) missionarisch ist (soll heißen: es geht um Faktenwissen, nicht um Bekehrung), führte dazu, daß einige der Schüler die atheistische Jugendweihe als hohl erkannten und, ohne freilich zur Taufe bereit zu sein, etwas Tieferes suchten. Als nun ihre getauften Mitschüler zur Firmung oder Konfirmation „anstanden“, gingen sie auf Dr. Hauke zu, der als kirchliche Antwort die „Feier der Lebenswende“ entwickelte.

Ziel dieser Lebenswendefeier war nicht, der Jugendweihe Konkurrenz zu machen, die ja ihrerseits als atheistische Konkurrenzveranstaltung zu Firmung/Konfirmation gedacht war, sondern das äußerst zarte Pflänzchen eines beginnenden Umdenkens bei den Schülern nicht zu zerstören. Natürlich konnte es dabei nicht um die „harten“ Glaubensfakten gehen – also „christliche Wahrheiten stringent zu vermitteln“. Dazu waren die Schüler noch lange nicht weit genug! In aller Regel hatten sie vor dem Besuch der Edith-Stein-Schule praktisch überhaupt keinen Kontakt mit Religion welcher Art auch immer, und im besten Fall hatten sie wenigstens keine Vorurteile a la „Mittelalterlichkeit der Kirche“ oder „Unwissenschaftlichkeit jeglicher Religion“. Implizites Ziel der längeren Vorbereitungszeit auf die Lebenswendfeier ist daher „lediglich“, überhaupt erstmal den Horizont zu eröffnen, in dem der christliche Glaube innerlich angenommen werden kann (denn darum muß es ja jetzt über das bloße Faktenwissen hinaus tatsächlich gehen).

Dieser besondere Entstehungshintergrund äußerte sich auch darin, daß für die „Feier der Lebenswende“ in Erfurt keine aktive Werbung betrieben wird (oder zumindest wurde, solange das ganze noch Dr. Hauke als Dompfarrer verantwortete; wie es jetzt ist, wußte mein „Informant“ nicht). Denn es soll ja durch diese „Feier der Lebenswende“ gerade nicht der Jugendweihe das Wasser abgegraben werden, sondern Ungetauften, die tatsächlich auf einem Weg sind, ein kleines bißchen der Weg gewiesen werden – was eben auch nur Sinn hat, wenn das ganze nicht punktuell bleibt, sondern auch eine Rückbindung im Alltag (Besuch einer katholischen Schule, Religionsunterricht etc.) hat.

Insofern ist der „Mundpropaganda“-Erfolg des Projektes über den ursprünglichen Kreis der ungetauften Edith-Stein-Schüler sicherlich nicht unproblematisch, wie sich kürzlich gezeigt hat, als einem katholisch getaufter, aber der Kirche völlig fern stehender Jugendlichen die Teilnahme an der „Lebenswende“ mehr oder weniger demonstrativ verweigert worden sein soll. Allerdings soll sich Weihbischof Dr. Hauke mit dem Gedanken einer „Weg-Feier“ für solche Jugendliche tragen, die aber eben im Gegensatz zur Lebenswendefeier sehr viel konkreter zu Glaube und eben auch Kirche führen, also „christliche Wahrheiten stringent … vermitteln“ sollen würde.

Der springende Punkt der ganzen Idee der „Feier der Lebenswende“ ist also die spezifische Situation der genannten Schüler. Paulus spricht in 1 Kor 3 davon, den „unmündigen Kindern in Christus“ (also getauften Christen!) Milch anstatt wie Geisterfüllten feste Nahrung gegeben zu haben. Dieses Bild träfe eher auf die Idee der „Weg-Feier“ für fernstehende katholische Jugendliche zu als auf die „Feier der Lebenswende“, denn bei der Lebenswende geht es um Menschen, die noch nicht einmal die banalsten Voraussetzungen hatten, die Paulus überall voraussetzen konnte: Daß es überhaupt etwas über das Materielle hinaus gibt. Wenn man das paulinische Bild ein wenig überstrapaziert: Es muß hier überhaupt erstmal der Ei-Follikel heranreifen, damit irgendwann einmal ein Christ gezeugt werden könnte!

Für die anvisierte Zielgruppe scheint mir daher die Lebenswendefeier, zumindest nach dem, was ich aus Erfurt erfahren habe, völlig angemessen zu sein. Sie setzt aber eine ganz bestimmte Situation und eine ganz bestimmte Zielgruppe voraus, die es „bei uns im Westen“ kaum gibt: eine mehrheitlich ganz selbstverständlich ungetaufte Gesellschaft, in der ein ebenso selbstverständlicher praktischer Materialismus vorherrscht, und das schon in der dritten, vierten Generation.

Bleibt natürlich die Frage, wo es heut die feste Nahrung für in Christus Heranwachsende gibt. Aber das ist ein anderes Thema…

[Disclaimer: Was ich geschrieben habe, kann ich nicht selbst beurteilen, sondern habe es nur aus (glaubwürdiger!) zweiter Hand. Mir erscheint es freilich stimmig.]