Dieser Post liegt schon seit über drei Jahren im Entwurfsordner. Am Anfang sollte es eine komplette Papst-Predigten-und-Ansprachen-Reihe werden. Irgendwann fehlte mir erst die Zeit, dann geriet das Projekt in Vergessenheit. Als ich wieder drüber stolperte, hatte sich meine Situation so weit verändert, daß ich mir nicht mehr sicher war, den Post noch so verantworten zu können. Tatsächlich würde ich ihn heute nicht mehr so schreiben. In der Sache hat sich meine Auffassung nicht geändert. Nur ist es nicht mehr so existentiell.

Mit der Papstpredigt im Olympiastadion (Video, Predigt ab 48:30) bin ich persönlich sehr verbunden. Es waren genau die richtigen Worte zur richtigen Zeit, die Antwort auf eine zuvor meditierte Frage.

Ich habe die Kirche immer geliebt. Auch jahrelange „Indoktrination“ (durch wen kann ich gar nicht sagen) hat das nicht ändern können, mir aber doch ein schlechtes Gewissen gemacht: Wenn ich die Kirche liebe, bin ich dann ein schlechter Christ, weil ich Christus nicht liebe? Ja, dieser Gedanke ist so bekloppt, wie er aussieht, aber das hat mich lange beschäftigt. Erst als ein Professor (noch dazu ein Freiburger!) die alte Tradition zitierte, daß man die Kirche nicht lieben könne, ohne Christus zu lieben, daß also die Liebe zur Kirche Liebe zu Christus ist, löste sich diese Hemmung auf. Ha, ich darf also nicht nur die Kirche lieben, wenn ich Christus lieben (möchte), ich muß es sogar.

Doch bald darauf hatte ich das nächste Problem: Wenn ich die Kirche lieben muß, wenn und weil ich Christus liebe – woher kommt dann all das abfällige Gerede über die Kirche in der Kirche?! Nie hatte ich ein Problem mit Kirchenkritik von außen, aber die (destruktive[1]) Kritik an der Kirche von innen, die Häme, teilweise der Haß gegenüber ihren Repräsentanten sogar durch einfache Gläubige, die innere Zerstrittenheit der Hierarchie selbst, all das habe ich nie begreifen können.

Ok, ich muß einräumen, daß ich das Glück hatte, nur periphär und erst spät mit solchen Erfahrungen konfrontiert zu werden, obgleich meine Heimatpfarrei auch nicht immer ein Herz und eine Seele war – aber Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. 🙂 So bin ich auch nie mit der inneren Logik dieser Kirchenkritik konfrontiert worden und habe sie auf Unverständnis und mangelndes Glaubenswissen zurückgeführt. Also: Wenn man den ganzen Kritikern mal in Ruhe alles erklären würde, könnten sie gar nicht anders, als die Kirche ebenfalls zu lieben und konstruktiv zu kritisieren. (Daß es unter den destruktiven Kritikern auch Theologieprofessoren gab, habe ich geflissentlich ausgeblendet.) Jedenfalls wollte ich nie einem Katholiken in seiner Kirchenkritik einen bösen Willen unterstellen. Gerade aus Liebe zur Kirche kann ich das doch eigentlich auch gar nicht. Auch der destruktive Kritiker ist doch als getaufter Katholik Teil der Kirche und damit des Leibes Christi. Ich verstehe zwar nicht, wie er tickt, aber daß er aus seiner Lebensgeschichte heraus konsequent und im Glauben so tickt, habe ich immer vorausgesetzt.

Mir ist zwar über die Jahre immer deutlicher geworden, daß gerade das Verständnis der Kirche als Leib Christi praktisch verdunstet ist, daß das Glaubenswissen nicht nur im Argen liegt, sondern vielfach bei Null. Aber eine Möglichkeit habe ich nie in Betracht gezogen: Daß sogar die Mehrheit der aktiven Katholiken in Deutschland leben könnte, als ob sie nicht glaubte, daß tatsächlich ein Großteil der Kirche de facto vom Glauben abgefallen ist. Bis ich einen längeren Blick in den Maschinenraum der deutschen Kirche werfen konnte. Da kamen mir dann langsam Zweifel an meinem Optimismus. Klar, man kann nie wirklich beurteilen, ob und was der andere glaubt (auch sehr überraschende Zeugnisse habe ich schon erlebt, die mir meinen eigenen Hochmut vor Augen geführt haben). Aber von einem Gedanken mußte ich mich langsam aber sicher verabschieden: Daß es reicht, einfach mal alles ordentlich zu erklären. Viel zu viele sind dermaßen in einer gut geölten Maschinerie aktiv, daß sie gar nicht merken, daß die Maschine gleichermaßen heiß wie leer läuft. Sie machen tolle Aktionen, sind in der Gesellschaft präsent – bringen aber Christus nicht nur nicht zu den Menschen, sondern sind auf dieser Ebene sogar gar nicht ansprechbar. Da redet man einfach an ihnen vorbei. Sie verstehen einen überhaupt nicht. So wird das nichts mit der missionarischen Kirche. Es gibt keine Kommunikationsmöglichkeit. Über die praktische Umsetzung unseres Glaubens. Es fehlt die gemeinsame Grundlage. Und was kann die gemeinsame Grundlage sein, wenn nicht Christus?! Also fehlt ihnen Christus?

Μὴ γένοιτο! Das sei ferne! Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Und natürlich, ich habe auch andere Menschen im kirchlichen Dienst erlebt, die sich wirklich gemüht haben, Christus zu verkündigen und dabei sogar ähnliche Aktionen gemacht haben, wie diejenigen, die auf dieser Ebene überhaupt nicht ansprechbar waren. Es kommt nicht darauf an, was jemand macht, sondern auf welcher Grundlage er es tut. Aber es waren nur ein paar wenige. Und so nagte der Verdacht weiter in mir.

Tja, und dann kam der Papst. Ich hatte schon wieder etwas Abstand zu meinen irritierenden Erfahrungen und kam bei der Reflexion über sie immer wieder zu dem Punkt: Kann es denn sein, daß ein Großteil der Kirche in Deutschland vom Glauben abgefallen ist? So auch am Abend des 22. September 2011. Während der Papst in Berlin predigte, stand ich unter der Dusche und meditierte dabei (auch unter dem Eindruck der absolut schäbigen Begrüßung des Papstes durch unseren damaligen Bundes-Wulff) diese Frage, brachte sie im Gebet vor Gott. Aber den Eindruck, der sich in mir immer mehr verstärkte, wollte ich immer noch nicht wahrhaben. Ich habe kein Problem, mit apokalyptischen Höllenpredigten und der massa damnata zu provozieren, aber doch immer nur, um aufzurütteln, um die Gefahr vor Augen zu führen, aber ihr Eintreten letztlich zu verhindern. Daß das tatsächlich das Ende einer großen Zahl von Menschen sei, vielleicht sogar der größten Zahl der Menschen und gerade meiner Zeitgenossen, noch dazu solcher, die neben mir in der Kirchenbank gesessen haben? Ich will das nicht, aber ich kann es nicht verhindern, wenn es so sein sollte, also darf es so nicht sein!

Das waren also die Voraussetzungen, unter denen ich dann unmittelbar nach dem Duschen die Aufzeichnung der Predigt aus dem Olympiastadion gehört habe. Und sie traf mich wie ein gut plazierter rechter Haken. Mit der grandiosen Vorlage des wahren Weinstocks (Joh 15,1-8) predigte der Papst genau die Kirche als Leib Christi:

Und dieses Zueinander- und Zu-Ihm-Gehören ist nicht irgendein ideales, gedachtes, symbolisches Verhältnis, sondern – fast möchte ich sagen – ein biologisches, ein lebensvolles Zu-Jesus-Christus-Gehören. Das ist die Kirche, diese Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus und füreinander, die durch die Taufe begründet und in der Eucharistie von Mal zu Mal vertieft und verlebendigt wird. „Ich bin der wahre Weinstock“, das heißt doch eigentlich: „Ich bin ihr und ihr seid ich“ – eine unerhörte Identifikation des Herrn mit uns, mit seiner Kirche.

Das Gleichnis vom Weinstock bleibt aber nicht dabei stehen, diese Identifikation einfach freudig zu verkünden, sondern seine eigentliche Spitze hat es in der Verwandlung der Rebe durch den Winzer, der den Weinstock pflegt und hegt, „die dürren Reben abschneidet und die fruchttragenden reinigt, damit sie mehr Frucht bringen“. Der Papst fährt fort mit einem anderen, der Realität noch näheren Bild des Propheten Ezechiel (für mich eines der schönste Bücher des Alten Testamentes): „Gott will […] das tote, steinerne Herz aus unserer Brust nehmen, und uns ein lebendiges Herz aus Fleisch geben (vgl. Ez 36,26), ein Herz der Liebe, der Güte und des Friedens. Er will uns neues, kraftvolles Leben schenken.“ Und diese Dynamik wird vermittelt durch die Kirche, die der Leib Christi ist und Gottes Heilswerkzeug für die Menschen, die Sünder, „um uns den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu eröffnen“. Was für eine froh machende Botschaft diese Reinigung doch ist!

Doch dann kam der Abschnitt, der mich tatsächlich „ausknockte“. Der Papst selbst spielt auf die Zustände in der deutschen Kirche an, die ziemlich genau meine Erfahrungen im „Maschinenraum“ trafen:

Manche bleiben mit ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen. Dann erscheint die Kirche nurmehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe „Kirche“ zu beurteilen und zu behandeln ist. Wenn dann auch noch die leidvollle Erfahrung dazukommt, daß es in der Kirche gute und schlechte Früchte, Weizen und Unkraut gibt, und der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und schöne Mysterium der Kirche nicht mehr.

Dann kommt auch keine Freude mehr auf über die Zugehörigkeit zu diesem Weinstock „Kirche“. Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Mißvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von „Kirche“, die eigenen „Kirchenträume“ nicht verwirklicht sieht! Da verstummt dann auch das frohe „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad‘ in seine Kirch‘ berufen hat“, das Generationen von Katholiken mit Überzeugung gesungen haben.

Dieser kurze Absatz traf und deutete die „Maschinenraum“-Erfahrungen dermaßen deutlich und stimmig, daß mir seit diesem Moment völlig klar ist: Es ist nicht nur möglich, es ist sogar der Fall, daß ein großer Teil der deutschen Kirche vom Glauben abgefallen ist. Und daß ausgerechnet diese für jeden, der Christus anhängen will, wirklich frohe Botschaft, dieser kurze Abschnitt über die Reinigung der Reben als „Drohbotschaft“ die öffentliche Wahrnehmung der Predigt bestimmte, sagt doch eigentlich schon alles. Damit ergab sich eigentlich auch gleich noch, daß es keine Rückkehr in den „Maschinenraum“ geben kann, daß der Eindruck in ebenjenem „neutralisiert“, wirkungslos zu sein, weil bereits die Grundlage dessen, was ich dort erreichen wollte, nicht gegeben ist und die entsprechenden Anstrengungen, sie zu schaffen, mich nur zeitlich davon abhalten, tatsächlich missionarisch tätig zu sein, nicht aus der Luft gegriffen war. Und wer die Hand an den Pflug legt und noch einmal zurückschaut, ist des Himmelreiches nicht würdig…

Wo ich die Predigt gerade noch einmal lese, fällt mir auf, wie deutlich der Papst auch im Folgenden immer und immer wieder nichts anderes tut als seine Zuhörer zur Umkehr aufzurufen. Mit frohen und ermutigenden Worten, aber nichtsdestoweniger deutlich: Immer und immer wieder steht Christus als Wurzelgrund im Mittelpunkt, fordert der Papst uns auf, in Christus zu bleiben, der uns im Umkehrschluß eine Bleibe in schwieriger, geradezu dunkler Zeit schenkt, „einen Ort des Lichtes, der Hoffnung und der Zuversicht, der Ruhe und der Geborgenheit. Wo den Rebzweigen Dürre und Tod drohen, da ist in Christus Zukunft, Leben und Freude.“ In Christus zu bleiben, und das ist der nächste Hieb auf die deutsch-katholische Kirche, bedeutet, in der Kirche zu bleiben: „Wir glauben nicht allein, wir glauben mit der ganzen Kirche aller Orten und Zeiten, mit der Kirche im Himmel und auf der Erde.“ Boah, da kann ich mich als „Vincentius Lerinensis“ nur persönlich angesprochen fühlen. Und als ob das nicht schon reichte, legt er einen halben Absatz später noch einmal nach, so daß ich mich auch als Sebastian Berndt durch diese Predigt nur persönlich und gerade in der ganzen Komplexität der oben dargelegten Fragestellung angesprochen fühlen kann:

Daher konnte Augustinus sagen: „In dem Maß, wie einer die Kirche liebt, hat er den Heiligen Geist“ (In Ioan. Ev. tract. 32,8 [PL 35,1646]).

Und so maße ich mir an, den folgenden Abschnitt:

Wer an Christus glaubt, hat Zukunft. Denn Gott will nicht das Dürre, das Tote, das Gemachte, das am Ende weggeworfen wird, sondern das Fruchtbare und das Lebendige, das Leben in Fülle, und Er gibt uns Leben in Fülle.

umzukehren: Wer nicht von Christus her lebt und durch alles, was er tut, Seine Liebe zu den Menschen zu verkünden versucht, hat keine Zukunft.

Laßt die Toten ihre Toten begraben.


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[1] Es gibt natürlich auch eine legitime Kirchenkritik, die sich gerade aus der Liebe zur Kirche speist. Aber die ist nicht destruktiv, nicht Rechte von anderen einfordernd, sondern konstruktiv und fängt beim Kritiker selbst an. Sie ist eine Kritik in Demut, die sich vom Kern des Glaubens, von Christus her versteht, und nicht aus Hochmut. (hoch)

Damit hier ein bißchen mehr Leben reinkommt und der Metal-Teil nicht gar so unter die Räder kommt, habe ich mich zur Einführung einer neuen Kategorie entschieden, des Monday Metal Mix (allitterier dich oder ich freß dich). Und damit gleich zu Anfang klar ist, wohin die Reise geht und daß das hier nichts für Weicheier ist (whimps and posers – leave this blog!!11111elf), habe ich mich dazu entschieden, Belphegor den Anfang machen zu lassen. Zumal damit auch gleich klar wird, daß ich mich hier nicht mit den Inhalten rumschlagen will (dazu lest bitte meine Diss), sondern nur auf möglichst einfache Weise Klicks generieren rumtrollen mich einfach naiv an der Musik erfreuen. Den Text versteht man sowieso nicht. Oder hätte jemand gemerkt, daß da unten im Clip (zumindest teilweise) auf Deutsch gegrunzt wird?

Belphegor ist eigentlich eine völlig überschätzte Band. Angesiedelt im Grenzbereich zwischen Death und Black Metal verbinden sie für meine Ohren ausgerechnet die schlechteren Elemente beider Genre zu einem großen Mist. Aber da auch ein blindes Huhn gern mal einen Korn trinkt, haben auch Belphegor am Anfang, als zwar der Otto-Muehl-Gedächtnis-Satanismus schon klar und deutlich vorhanden war, aber das „Sex, Sex, Sex“ den künstlerischen Anspruch noch nicht völlig ausgelöscht hatte (Interviews, in denen es lang und breit um den Marquis de Sade und die sexuellen Vorlieben der Musiker geht, wobei die Antworten so übertrieben sind, daß [bis auf den Interviewer offenbar] selbst der letzte Idiot merken muß, daß hier nur ein Klischee bis zum Letzten ausgelutscht wird, sind sowas von <Homer Sipmson>langweilig</Homer Simpson>), eine kleine Perle geschaffen (allein schon den more cliché as cliché can-Titel „Necrodaemon Terrorsathan“ muß man sich auf der Zunge zergehen lassen). Der „Eingeweihte“ mag hier die eine oder andere Anspielung erkennen, bis hin zu Hordes „A Churchbell Tolls Amidst The Frozen Nordic Winds“ (das muß doch haargenau dieselbe Glocke sein, die da beide Alben einläutet). Alle anderen dürfen sich an roh brachialem Schlagzeug mit melodischen Untertönen erfreuen. Rumpel die Katz!

Anträge auf Exkommunikation bitte an meinen Ortsbischof.

Nach diesem Album hat die Band leider steil fallend und kontinuierlich abgebaut. Finde erstaunlicherweise nicht nur ich.

Einer der Gründe, warum ich am Ende des letzten Jahres plötzlich wieder aufgehört habe zu bloggen, war die Bibel. Genauer: Mein Vorsatz, im Jahr 2014 die Bibel einmal komplett durchgelesen zu haben. Das wurde am Ende ziemlich knapp (am 1.10. fehlten noch 45 Bücher, am 1.11. noch 31 und am 1.12. noch 13 Bücher, darunter fast das komplette Geschichtswerk), so daß ich klare Prioritäten gesetzt habe.

Ein paar frühe Resultate dieses Vorsatzes habe ich letztes Jahr schon verbloggt. Jetzt will ich der Frage nachgehen, ob sich das ganze gelohnt hat. Nicht nur Jürgen, sondern auch mein AT-Professor waren nach ihrem Komplettdurchgang diesbezüglich etwas skeptisch. Auch ich selbst habe, schon als Jugendlicher, den Versuch, die Bibel komplett zu lesen, nach anderthalb Büchern abgebrochen.

Dieser Versuch aus der Jugendzeit war auch der Grund, warum ich das Geschichtswerk so lange vor mir hergeschoben habe. Und tatsächlich: Ich halte das Buch Exodus für das am anstrengendsten zu lesende Buch der ganzen Bibel. Damals bin ich irgendwo im Bundesbuch (ca. Ex 22) hängengeblieben und konnte mich nicht mehr überwinden, weiterzulesen. Blöd halt, daß das Buch so weit vorne steht.

Im Buch Exodus kann man die Schichten, die in den Pentateuch eingeflossen sind, am deutlichsten erkennen, und sie sind zu allem Überfluß schlecht miteinander verknüpft. Es gibt zum Teil abrupte Wechsel mitten in einer Geschichte, infolgedessen zwei Beschreibungen desselben Ereignisses unvereinbar nebeneinander stehen (war das Wasser jetzt durch einen starken Wind weggetrieben worden oder stand es rechts und links wie eine Mauer?, um nur mal das bekannteste Beispiel anzuführen). Besonders anstrengend ist das in den Gesetzestexten, die keine klare Struktur erkennen lassen. Oder besser: die zwar scheinbar eine klare Grobstruktur haben, aber sich dann in komplexen Details verlieren.

Nicht besser wird es dadurch, daß die Geschichte des Auszugs aus Ägypten in geistlicher Lesung und der kirchlichen Tradition eine kaum zu überschätzende Rolle spielt als Vorbild des Auszugs des einzelnen und der Kirche aus der Welt der Sünde und des Todes.

Und dann folgt darauf auch noch das Buch Levitikus, das kaum noch Geschichte, sondern hauptsächlich Gesetzestexte präsentiert, ganz zu Schweigen von Numeri, das fast schon in einer Art Mantra beginnt (der und der Stamm brachte das und das, der und der Stamm brachtet dasselbe und nach 12 Stämmen geht’s wieder von vorne los)!

Aber schwer gefehlt! Ok, Numeri ist am Anfang tatsächlich etwas langweilig, wenn man nicht wie ich auf Statistiken abfährt, aber Levitikus haut pholl phätt rein! Zunächst einmal wirken beide Bücher im Gegensatz zu Exodus viel mehr wie aus einem Guß. Vor allem aber braucht es die richtige Hermeneutik, die richtige Brille, um einen Zugang zu den Büchern zu kriegen. Bei Levitikus drängte sich mir relativ schnell auf, das Buch im Hinblick auf die Verehrung der Eucharistie und den Aufbau katholischer Kirchen zu lesen; nicht zuletzt, weil ständig vom ungesäuerten Brot aus Feinmehl, das heilig ist, die Rede ist. Tabernakel, ewiges Licht (Lev 24), ja sogar die Elevation (Lev 7,14) und praktisch das gesamte Kirchenjahr von Erntedank bis Pfingsten (Lev 23) – alles schon drin! Ok, man muß ein paar Begrifflichkeiten kennen, z.B. daß tabernaculum das lateinische Wort für Zelt ist, aber dann ist Levitikus alles andere als vergangene Gesetzlichkeit, sondern pure Gegenwart (ein paar kleinere Ausnahmen in gesetzlichen Detailregelungen bestätigen die Regel).

Das ist überhaupt das Problem: Man muß erstmal raffen, daß manche uns geläufige Begriffe eben lateinisch oder griechisch sind, die Einheitsübersetzung aber im Text meist die deutschen Worte verwendet (soweit vorhanden) und in den Anmerkungen allenfalls die hebräischen Ausdrücke erwähnt. So habe ich auch eine ganze Weile gebraucht zu merken, daß Josua nicht nur figurativ die Israeliten ins verheißene Land führt wie Jesus uns ins Himmelreich, sondern daß Josua „lediglich“ eine andere griechische Form von J(eh|o)schua als das neutestamentliche Jesus ist… Tja, nur weil man Texte auf Deutsch liest oder hört, heißt das eben noch lange nicht, daß man sie besser versteht, als wenn sie in einer mehr oder weniger unbekannten Fremdsprache formuliert sind.

Besonders angetan hat es mir aber die Weiheitsliteratur. Ja, auch hier gilt, nicht alles ist zum sofortigen Komplettverzehr geeignet (Psalmen, Sprüche). Aber die grundsätzliche Orientierung dieser Bücher ist so herrlich thomanisch „down to earth“ – sie wird weder spiritualistisch noch materialistisch, selbst wenn sie wie Kohelet die vermeintliche Bedeutungslosigkeit des Menschen bis ins Letzte auskostet.

Stellen wie: „Der Schlaf des Fröhlichen wirkt wie eine Mahlzeit, das Essen schlägt gut bei ihm an“, und: „Wie ein Lebenswasser ist der Wein für den Menschen, wenn er ihn mäßig trinkt. Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat, der doch von Anfang an zur Freude geschafen wurde? Frohsinn, Wonne und Lust bringt Wein, zur rechten Zeit und genügsam getrunken. Kopfweh, Hohn und Schimpf bringt Wein, getrunken in Erregung und Zorn. Zu viel Wein ist eine Falle für den Toren, er schwächt die Kraft und schlägt viele Wunden“ (Sir 30,25;31,19–21), zeigen in aller Deutlichkeit, daß es bei allem Wechsel in den Verhältnissen manche Dinge einfach Grundkonstanten menschlichen Lebens sind: „Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun? Er wird seinem eigenen Glück nicht begegnen“ (Sir 14,5).

Das Hohelied hingegen scheint mir das geistlich tiefste Buch der ganzen Bibel zu sein. Beim ersten Lesen rauscht es irgendwie so vorbei. Beim zweiten Mal merkte ich an ein paar Stellen plötzlich auf, klingt das nicht wie ein Kirchenlied? Beim dritten Mal fielen mir auch die Lieder ein, z.B. „Mein schönste Zier und Kleinod bist“ (Hld 2,16 in der dritten Strophe) und „Sagt an, wer ist doch diese“ (Hld 6,10), und mir zeigte sich eine Tiefe, die ihresgleichen sucht und von mir noch entdeckt werden will.

Leid tun mir aber die Protestanten, die gerade in der Weisheit der schönsten Texte entbehren müssen. Nicht nur fehlt Sirach, so daß den Lutherjüngern ihr „Prediger“ irgendwie der Kontext fehlt, aus dem er verständlich(er) wird, sondern sie kennen auch so krasse prophetische Texte wie Weisheit 2 nicht. Kein Wunder, daß manche von ihnen das AT gleich ganz über Bord werfen wollen.

Da versteht man übrigens auch gleich, warum Luther mit Jakobus nicht viel anfangen konnte. Wer die Weisheit nicht gebührend schätzt, für den wird der Jakobusbrief ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, denn der steht ganz, ganz deutlich in weisheitlicher Tradition, nicht zuletzt in seiner (keineswegs fehlenden!) Christologie. Nur kommt Christus hier nicht als vorösterlicher Jesus, sondern als erhöhter Herr vor, nämlich als die „Weisheit[!] von oben“, die den Christgläubigen zu neuem Leben gebiert, ihre Werke dabei schon immer mitbringt und den Christen dadurch befähigt, sie zu vollbringen. Oder anders gesagt, wer bei Jakobus nicht die Bergpredigt durchhört, kann kaum bemerken, wie nah Jakobus an den Synoptikern ist (27 Parallelstellen, davon die Hälfte aus der Bergpredigt).

Aber ich schweife ab. Die Offenbarung des Johannes habe ich schon immer gemocht. Aber erst nach der kompletten Bibellektüre ist mir so richtig klargeworden, daß und warum sie das würdige Schlußbuch der Bibel ist. Sie greift quasi alle losen Enden auf, alle noch nicht (ganz) erfüllten Verheißungen und bündelt sie. So macht sie nicht nur deutlich, daß die Vollendung noch aussteht, sondern vor allem auch, daß die ganze Bibel zusammengehört und nicht nur die Stellen, die sich neutestamentlich als erfüllt herausstellen oder gar nur die, die uns heute in den Kram passen. Und dabei steht sie voll in der Tradition alttestamentlicher Prophetie. Sie weist sehr wohl darauf hin, daß die Verheißungen oder auch Drohungen Gottes in der Gegenwart relevant sind, auch eine nahe Folge haben werden, daß aber die Geduld Gottes soviel größer ist als wir sie uns vorstellen können, daß die vollständige Erfüllung der Verheißungen noch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende ausstehen kann. Ihr kennt weder Zeit noch Stunde…

Um das ganze mal abzuschließen: Ja, die Komplettlektüre der Bibel hat mir viel gebracht. Viele Bezüge sind mir vorher nie klar gewesen, und ständig entdecke ich neue. Wichtig war aber, die Bibel nicht „instruktionstheoretisch“ zu lesen, d.h. als Buch, das mir Sachinformationen vermittelt, sondern „personal-kommunikativ“, oder einfacher formuliert: geistlich, auf meine Beziehung zum Herrn hin. So erschlossen sich viele Stellen, die sonst irgendwie alt, unbedeutend und „apokryph“ gewirkt hätten, als geistlich tief, Lebenszusammenhänge erschließend und den Glauben stärkend.

Nur zwei Tips seien potentiellen Nachahmern noch auf den Weg gegeben, wenn sie die Einheitsübersetzung nehmen, was für den Anfang vielleicht gar nicht mal die schlechteste Wahl ist: Überspringt im Zweifel die Einleitungen zu den Büchern, die zum Teil zwar ganz brauchbar, zum Teil aber auch absolut grottig sind und jegliche geistliche Lektüre auszutreiben zu versuchen scheinen. Gleiches gilt für die Anmerkungen. Manche sind hilfreich, manche, insbesondere an Stellen im AT, die eindeutig Jesus als den Messias vorausverkünden, sind einfach katastrophal, weil sie keine Erklärung bieten, sondern nur ausschließen wollen, was zwar offensichtlich ist, aber einfach nicht sein darf.

Inzwischen bin ich übrigens schon wieder zu zwei Dritteln durch. Was für mich etwas sehr Ungewöhnliches ist. Selbst die besten Romane (von Sachbüchern ganz zu schweigen) lese ich nur in absoluten Ausnahmen ein zweites Mal und dann bevorzugt in einer anderen Sprache, weil mir alles so bekannt vorkommt, daß meine Augen zwar weiterhin den Buchstaben folgen, mein Hirn aber gelangweilt sonstwohin abdriftet. Das ist bei der Bibel völlig anders. Hier scheint es mir von Mal zu Mal spannender zu werden. Je besser ich die Texte kenne, umso mehr Querverweise und -bezüge fallen mir auf, umso tiefere Deutungen werden mir möglich. (Die Kirchenväterauslegungen dazu zu lesen, schadet ganz offensichtlich auch nicht.) Wenn das mal nicht ein Zeichen ist, daß dort „is more to it than meets the eye“… 🙂

In meiner theologischen „Laufbahn“ gab es ab und zu mal „Aha-Erlebnisse“. Momente, in denen ich plötzlich etwas begriffen habe, was vorher gar nicht mal als Frage dastand. Eines dieser Erlebnisse verdanke ich Thomas von Aquins Trinitätstheologie, bei der mir klar wurde, was ein Gott in drei Personen in der Spitze eigentlich meint, nämlich daß die Einheit gerade in der Dreiheit besteht und es gerade keine Einheit ohne die Dreiheit gibt, weil die Beziehungen zwischen den göttlichen Personen gerade das Wesen Gottes ausmachen.

Ein weiteres hat mit der katholischen Dogmatik von Müller zu tun und betrifft die Christologie. Mir war schon klar, daß es gar nicht anders sein kann, als daß Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich war ist (und das ungetrennt und unvermischt usw.). Denn, um es mal mit Sherlock Holmes zu sagen: Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muß das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.

Postitiv zu verstehen, dachte ich, gibt es da aber nichts. Allenfalls die Denkmöglichkeit aufweisen (wie eben bei der Trinität). Wie aber bei Thomas von Aquin in der Trinitätslehre sagte es gegen Ende der Christologie von Müller „klick“ – und das wohl gerade aufgrund des kritisierten Ansatzes, aus der Heilsgeschichte unmittelbar auf die Seinsordnung zu schließen.

Der erste Schritt betraf die Seele Christi. Natürlich war mit klar, daß mit „Seele“ in der Antike was anderes (forma corporis) gemeint war als heute (Aktzentrum). Trotzdem, erst als bei Müller nochmal ausdrücklich stand, daß die zweite göttliche Person nicht die Stelle der Seele im Menschen Jesus einnahm, weder im antiken noch im modernen Sinne von Seele, wurde mir klar, daß ich genau diese unbewußte Vorstellung hatte. Womit im ersten Schritt erstmal die Frage aufgeworfen wurde, die ich mir bewußt nie gestellt hatte: Welche Stelle denn dann?

Der zweite Schritt war komplizierter, und er stand auch nicht ausdrücklich bei Müller drin. Ich glaube, je länger ich drüber nachdenke, war das entscheidende „Klick“ auch gar nicht in der Christologie, sondern in der Gnadenlehre, wo ich dann eins und eins zusammengezählt habe.

Das erste „eins“ war: Eigentlich bleibt doch dann gar nichts mehr übrig, wo die zweite göttliche Person im Menschen Jesus „verankert“ sein kann. Aber sie einfach „drüber“ zu packen, geht auch nicht, denn dann wäre ja wieder der menschliche Wille Jesu auf göttliches Geheiß ausgehebelt. Soweit meine Fragestellung am Ende der Christologie.

Das zweite „eins“ war: Es gibt im Menschen noch einen „Ort“, den ich völlig übersehen hatte, nämlich die göttliche Gnade. Und von der heißt es ja gerade, daß sie den Menschen erst wirklich frei macht, so daß er sich frei für das Gute entscheiden kann, ohne von ihr dazu gezwungen zu werden.

Peng! Genau diesen „Ort“ muß die zweite göttliche Person in Jesus Christus wesenhaft eingenommen haben, also im Unterschied zum „normalen“ Menschen, der der Gnade durch die Sünde verlustig gehen kann, in einer unverlierbaren Weise.

Dieser „Ort“ ergibt dann auch plötzlich Sinn mit „unvermischt und ungetrennt“: Die Gnade ist zwar unterschieden von mir, und zwar so, daß sie sich nicht mit mir vermischt, aber sie ist, zumindest solange ich im Stand der Gnade bin, auch nicht getrennt von mir, also mir rein äußerlich. Boah. Und plötzlich hatte ich eine Art analogia entis für die zwei Naturen Christi…

(Anmerkung: Natürlich ist dieser Vergleich wie alle Analogien, was Gott angeht, sehr begrenzt. Mir hat’s aber wirklich geholfen.)

Wo ich gerade schon bei „ich habe gerade … gelesen“ bin: Anfang des Jahres habe ich mir endlich Müllers „Katholische Dogmatik“ gegönnt, nachdem sie schon lange im Regal stand.

Das Buch war nicht ganz so eine Qual wie der Psalter, obwohl ich noch länger gebraucht habe (viereinhalb Monate). Insbesondere die ersten 200 Seiten flutschen geradezu. Denn dort beschreibt Müller recht gut auf den Punkt gebracht die Schwierigkeiten, die der neuzeitlichen Philosophie innewohnen und ihre Wurzel im spätmittelalterlichen Nominalismus haben, der den Übergang von einem qualitativen in ein quantitatives Weltverständnis markiert. Hätte ich den Müller früher gelesen, hätte ich mir einige Dinge in meiner Diss leichter machen können, denn dann hätte ich einfach auf Müller verweisen können…

Ab ungefähr Seite 230 flutschte es allerdings nicht mehr ganz so gut. Das liegt möglicherweise daran, daß Müller des öfteren riesige Anläufe nimmt, in denen er nach meinem Verständnis das Pferd von hinten aufzäumt (YMMV). So habe ich mich bis etwa Seite 420 gefragt, ob er jetzt eigentlich in den suborditianistischen, modalistischen oder doketistischen Straßengraben fahren will. Erst nach Seite 400 macht er (von zwei beiläufigen, leicht zu überlesenden Bemerkungen auf Seite 228 und 313 abgesehen) deutlich, daß die „Funktionen“ bzw. „Erscheinungen“ Gottes dem Wesen Gottes entsprechen, daß der Vater, der Sohn und der Heilige Geist subsistente Relationen (= das Wesen Gottes begründende Ursprungsbeziehungen) sind, d.h. Vater, Sohn und Heiliger Geist ist die göttliche Natur.

Womit ich mir in diesem Zusammenhang besonders schwer getan habe (und nach wie vor tue), ist seine Identifikation JHWHs mit dem Vater. Ok, man kann das vielleicht so denken, auch wenn es meinem Denken fremd ist und mich entsprechend auf die suborditianistische Verdachts-Schiene brachte. Und ja, ich erkenne auch an, daß es Müller darum geht, infolge des Rahner’schen Diktums, daß die ökonomische (heilsgeschichtliche) Trinität die immanente (dem göttlichen Wesen innewohnende) Trinität sei, immer bei der heilgeschichtlichen Erfahrung ansetzt.

Was mich jedoch stört, sind Behauptungen, das alles müsse so sein, was ja impliziert, daß man es gar nicht anders sehen könne: „Nur wenn vom AT her gezeigt werden kann, daß JHWH die erste Person der Trinität ist, kann auch die innere Einheit von Schöpfung, Heilsgeschichte und eschatologischer Vollendung […] aufgewiesen werden.“ (228, eigene Hervorhebung)

Daran stören mich, neben der „Alternativlosigkeit“ und der faktisch fehlenden Begründung, zwei Dinge. Denn zum einen reichte es vollkommen aufzuzeigen, daß der dreieine Gott im AT und NT derselbe ist (was mir wesentlich leichter scheint als die Identifikation mit dem Vater – nicht zuletzt, weil die Propheten sich ja wohl unzweifelhaft von JHWH berufen fühlten, das Credo aber davon spricht, daß der Heilige Geist, also die dritte, nicht die erste Person, „durch die Propheten gesprochen hat“; ein Argument, das wohl erlaubt sein dürfte, wenn Müller selbst auf das Credo zurückgreift, um seine Identifikation JHWH=Gott=Vater zu begründen (227), wobei er außen vor läßt, daß „Dominum“ wohl als adonai und damit als JHWH verstanden werden darf).

Zum anderen kann aus logischen Gründen gar nicht vom AT her aufgezeigt werden, daß sich im AT der Vater als JHWH offenbart hat (allenfalls, daß sich JHWH als Vater offenbart hat, aber da läge bereits eine Äquivokation vor, nämlich Vater einerseits als Name eine göttlichen Person und Vater als analog auf Gott angewendeter menschlicher Begriff), da die Kategorien bzw. Namen „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ als im Neuen Testament wurzelnde und erst in der Tradition klar vorliegende Bezeichnungen für die drei Personen des einen Gottes sich gar nicht im AT finden lassen können. Natürlich kann man vom NT her guckend Spuren der Trinität im AT finden, aber das bedeutet eben gerade nicht, vom AT her aufzuweisen, daß sich JHWH als dieses/r oder jenes/r offenbart hat. Es ist mir ein Rätsel, wie man in und aus dem AT allein überhaupt etwas anderes über das Wesen Gottes aussagen können soll als seine Einheit und Einzigkeit (und alles, was sich daraus ergibt).

Der Kern des Problems an Müllers Vorgehen ist m.E., daß er zwar bei der Heilsgeschichte ansetzt, daraus aber direkt die metaphysische Seinsordnung ableiten will, also das Rahner’sche Diktum zu weit treibt bzw. überinterpretiert im Sinne einer Identität, nicht im Sinne eines „für sich“ und „für uns“, die außerhalb unserer Erfahrung aber zusammenfallen.

Keine Frage, man kann Theologie immer „von unten“ oder „von oben“, d.h. von der Erfahrung der Menschen mit Gott in der Heilsgeschichte oder von der fiktiven Position Gottes her konstruieren, also beim brennenden Dornbusch oder dem Traktat De Deo Uno beginnen. Beide Ansätze haben ihre Vorteile und Schwächen. Müllers Ansatz kombiniert aber jeweils die Schwächen.

Die Theologie „von oben“ hat den Vorteil klarer, zunächst definierter Begrifflichkeiten, riecht dafür aber immer nach menschlicher Hybris, Gott in den Griff zu bekommen und zu sezieren (wie dereinst im Biounterricht den Frosch). Der Ansatz bei der Heilsgeschichte hat demgegenüber den Vorteil, immer gleich den Überschuß mit im Blick zu haben, die Unbegreiflichkeit dessen, der sich da offenbart, birgt aber die Schwierigkeit, die theologiegeschichtlich spekulativ entwickelten Begrifflichkeiten nachträglich auf das aus der Offenbarung gewonnene Gottesbild übertragen zu müssen. Müller vermittelt mir den Eindruck, daß wir aus der Offenbarung heraus Gott in den Griff bekommen können, muß aber trotzdem die klaren Begrifflichkeiten nachträglich in einer Art dogmengeschichtlichen Anhang einführen.

Nochmal konkreter: Wenn Müller zeigt, wie sich Israel altestamentlich als Sohn Gottes verstanden hat, dann lassen sich daraus durchaus gewichtige christologische Einsichten ableiten. Doch wenn diese Kategorie nicht dahingehend verstanden wird, daß sich hier ein Ansatz zum Verständnis des unbegreiflich anderen Verhältnisses Jesu zu Seinem himmlischen Vater bietet, sondern gerade diese Unbegreiflichkeit und der fundamentale Unterschied zwischen „Meinem“ und „eurem Vater“ unter den Tisch fällt, dann kann man das in so vielen verschiedenen Weisen mißverstehen, daß die angestrebte Aussage eigentlich kaum richtig verstanden werden kann:

„Gott ist vielmehr der Eigenname für die völlig voraussetzungslose Selbstmitteilung und Heilwirksamkeit JHWHs, die im Sprachgebrauch Israels und besonders Jesu als Vater angesprochen wird.“ (309)

All diese Schwierigkeiten, die ich da über knapp 200 Seiten hatte und die auch später immer mal wieder durchkamen, verhinderten jedoch nicht, daß ich das Buch im ganzen mit großem Gewinn gelesen habe. Insbesondere, da die Alternativen nun auch nicht gerade überragend sind. Im Gegensatz zu Müller, der einen Gesamtentwurf vorgelegt hat, sind die anderen Dogmatiklehrbücher, die ich kenne, allesamt bunte Zusammenstellungen ganz unterschiedlicher Autoren, so daß es kaum Bezüge über die Kapitelgrenzen hinweg gibt. Falls jemand noch ein andere dogmatische Gesamtdarstellung aus einer Hand kennt, die sich nicht in breiteste Dogmengeschichte mit kurzen systematischen Einschübe ergeht: immer her damit!

Hervorzuheben wäre bei Müller noch eine klare katholische Positionierung in kontroverstheologischen Fragen wie Maria und die Heiligen, der Analogia Entis, der Eucharistie und der Notwendigkeit von guten Werken. Auch wenn man bei der Eucharistie bedauern muß, daß er zwar lang und breit deutlich macht, daß die neuzeitlichen Philosophien aufgrund ihres quantitativen Weltverständnisses ungeeignet sind, um das Geschehen in der Eucharistie zu erläutern, dann aber genau mit neuzeitlichen Kategorien die Eucharistie zu beschreiben versucht.

Ich hab mir mal den Spaß gemacht, die Psalmen am Stück zu lesen. War eine zweischneidige Sache; deutlich anstrengender als im Stundengebet, und viel schneller durch war ich auch nicht. Außerdem wuchsen in mir gewisse Zweifel, ob die häufige Einschätzung, der Psalter decke das gesamte Spektrum menschlichen (Gefühls-)Lebens ab, nicht etwas blauäugig ist. Ja, ok, man wird wohl in jeder Gemütslage einen passenden Psalm finden. Aber möglicherweise tatsächlich nur einen. Die klagenden, um Hilfe schreienden, Unterdrückung, Frevel und Heuchelei anprangernden sind deutlich in der Überzahl, und zwar so deutlich, daß ich des öfteren keine Lust mehr hatte, das Projekt fortzusetzen. (So eine Death Metal-Scheibe lebt ja auch nicht gerade von ihren Texten bzw. deren Vielfalt…)

Allerdings fallen so die sog. Fluchpsalmen kaum auf, vor allem die Einzelverse. Die gehören da einfach hin, entsprechen dem Duktus und liegen in der Konsequenz des Vorausgegangenen. Ganz davon abgesehen, daß man sich mitunter fragt, warum der eine Vers als Fluchpsalm gilt, der andere aber nicht. Mal zur Illustration: Welcher Vers von Psalm 5 gilt als Fluchpsalm? – Richtig, natürlich Vers 11, der sich inhaltlich absolut deutlich von den Versen 9 und 10 abhebt, denn Vers 11 ist im Imperativ gehalten, Verse 9 und 10 im Indikativ. Andererseits gelten Verse im (sachlich vom Imperativ nicht unterschiedenen) jussivischen Konjunktiv nicht als Fluchpsalmen. Echt jetzt, das ist mir alles etwas zu willkürlich. But I digress.

Zurück zum Thema, es gab nämlich doch den einen oder anderen Gewinn des Am-Stück-Lesens. Manche Psalmenreihen ergeben nämlich – gerade als messianische Prophetie gelesen – in ihrer Reihung tieferen Sinn. Besonders deutlich finde ich in dieser Hinsicht die Psalmen 18–24.

Psalm 18 handelt vom Gericht durch den Gesalbten (= Messias = Christus) des Herrn und weist bereits starke Ankänge an Jesu Tod und Auferstehung sowie die Sendung der Kirche auf. Er greift damit auf die Inhalte der nächsten sechs Psalmen voraus.

Psalm 19 zeigt Gott als Ursprung und Ziel des Menschen und legt damit die sachliche Grundlage des Gerichts. Nach Psalm 20 schenkt Gott uns durch den Messias den Sieg. Das heißt, der Sieg wird durch das Gericht hindurch errungen, wie auch Psalm 21 aus anderer Perspektive schildert: der Messias ist König, Gott vernichtet Seine Feinde.

Über Psalm 22 muß ich wohl nicht viele Worte verlieren. Daß das der Karfreitagspsalm ist, ist wohl nicht erst seit der Passion nach Matthäus bekannt. Gottes Kraft erweist sich in der Schwäche, in Leiden und Tod. Denn Gott beglaubigt das Leiden seines Gesalbten, Leid und Tod haben nicht das letzte Wort. So wird es vielmehr zum Gericht für die Feinde.

So ergibt es auch Sinn, daß mit Psalm 23 ausgerechnet der megamäßig positive, fast schon kitschige „Der Herr ist mein Hirte“-Psalm folgt. Wie schon das Ende von Psalm 22 ankündigt, wendet Gott das Schicksal Seines Knechtes – Auferstehung.

Wen wundert es dann noch, daß in Psalm 24 vom Kommen des Königs des Herrlichkeit die Rede ist? Wiederkunft.

In den Psalmen 18–24 sind also für den, der sie zu finden vermag, bereits die Grundzüge neutestamentlicher Heilsgeschichte enthalten.

Damit der Fluchpsalm-Anfang dieses Posts noch seinen tieferen Sinn bekommt, ein weiteres Beispiel, die Psalmen 105–111. Wieder ist hier mit Psalm 110 ein Psalm enthalten, der bereits in den neutestamentlichen Schriften massiv messianisch verstanden wird (vgl. Mt 22,41-46; Hebr 7). Von ihm her hat sich mir plötzlich die ganze Reihe erschlossen, die vorher (zumindest teilweise) sterbenslangweilig war.

Psalm 105 weist auf den geschichtlich erfahrbaren Zusammenhang zwischen dem Verhalten bzw. Verhältnis des Volkes zu Gott und seinem Schicksal hin, der dann in Psalm 106 konkret ausgeführt wird: Auszug aus Ägypten – Murren in der Wüste – große Umwege; Einzug in Kanaan – Götzendienst – Exil; Umkehr – Rettung aus dem Exil. Gott ist also gerecht und barmherzig, wie dann Psalm 107 deutlicher hervorhebt: Der Herr erbarmt sich der Schwachen, Gefangenen und Bedrängten, der Sünder und Armen; die Redlichen sehen es und freuen sich, doch alle bösen Menschen verstummen. Hier Jesu Botschaft vom Reich Gottes zu erkennen, fällt nicht allzu schwer, wenn man (von Psalm 110 auf die Spur gesetzt) einmal angefangen hat, in diese Richtung zu denken.

In Psalm 108 den Widerspruch der Pharisäer und Sadduzäer anklingen zu sehen, ist zugegebenermaßen schon etwas schwieriger. Der Psalm ist aber ein Ruf nach Hilfe von Gott, ohne den das Volk nichts tun kann, und in den letzten Versen klingt wiederum das Gericht an. Und genau dieses Gericht läßt sich dann in Psalm 109 ziemlich deutlich erkennen: Lösche die Erbarmungslosen aus, vernichte ihr Erbe und Andenken, doch rette Deinen rechtschaffenen Knecht – so wie das Kreuz eben Gericht für den ist, der kein Erbarmen gezeigt hat, aber Rettung für den, der seine Hoffnung auf Gott setzt.

Psalm 110 ist nun wirklich ein messianischer Psalm par excellence (s.o.). Hier stecken deutlich die Auferstehung und die darin enthaltene Beglaubigung Gottes des Vorangegangenen drin: Der Herr erhöht Seinen Gesalbten, der Priester auf ewig ist nach der Ordnung Melchisedeks. Von hier, also dem Priestertum Melchisedeks, ist es nur noch ein kleiner Sprung, in Psalm 111 einen Psalm der Eucharistie zu sehen: Er hat ein Gedächtnis an Seine Wunder gestiftet, der Herr ist gnädig und barmherzig. Er gibt denen Speise, die Ihn fürchten, an Seinen Bund denkt Er auf ewig.

Und siehe da, in dieser Reihe steckt der wohl „schlimmste“ Fluchpsalm ever, was aber vielleicht kein Zufall ist: „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zum Fluch geworden ist.“ (Gal 3,13)

Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Zusammenhänge zwischen den Psalmen. So kamen mir etwa die Psalmen 146150 quasi wie eine „eschatologische Reihe“ vor, zumal die ja auch alle mit „Halleluja“ beginnen und so schon auf einen Zusammenhang aufmerksam machen.

Am Ende habe ich dann gefragt, ob die Einteilung des Psalter in Bücher bei der Suche nicht helfen könnte, indem man sie als jeweils unterschiedliche Perspektiven auf die Heilsgeschichte interpretiert – wie ja die Psalmen 18–24 und 105–111 im Prinzip dasselbe Heilsgeschehen wiederspiegelten, dabei aber ganz unterschiedlich herangehen.

Neben dem Fatima-Gebet ist mir noch eine zweite Geschichte hängen geblieben, zu der ich ein paar Worte verlieren muß. Sie ist allerdings durchaus komplexer. Es handelt sich um die „Frau aller Völker“.

Zwei Dinge muß ich vorausschicken: Zum einen habe ich, wie gesagt, die „Frau aller Völker“ erstmals um 2000 kennengelernt, und ja, sie hat mich einigermaßen verstört, insbesondere die Forderung nach dem fünften Mariendogma „Corredemptrix“ (Miterlöserin). Genau genommen wurden hier ja alle meine Vorbehalte gegen Marienfrömmigkeit (Mariolatrie, Verdrängung Christi) scheinbar bestätigt. Insofern kann ich alle Vorbehalte und Berührungsängste nachvollziehen, wenn auch nicht mehr pauschal teilen.

Zum anderen hat sich meine Ansicht hier nicht extrem geändert, so daß ich jetzt Propaganda für die „Frau aller Völker“ machte, sondern ich sehe mich in einer Art wohlwollenden Neutralität. D.h. einerseits entspricht die ganze Geschichte nicht so ganz meiner Spiritualität, auch wenn ich meine Berührungsängste und Vorbehalte weitgehend abgelegt habe. Andererseits hat sich mir noch ein zweiter Zugang zur „Frau aller Völker“ ergeben, nämlich jemand, der den Kreis, der sich um diese Privatoffenbarung gebildet hat, als seine „geistliche Heimat“ bezeichnet. Das Prinzip „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ ergibt mein Wohlwollen.

Schließlich gilt weiterhin die „cum grano salis“-Warnung. Niemand braucht seine Kritik an der „Frau aller Völker“-Geschichte einzustellen. Aber auch muß niemand ein Problem aus etwas machen, was kein Problem ist. Ja, es gibt hier Schwierigkeiten, zu denen sich die Kirche durchaus geäußert hat, aber man muß ja nicht noch neue dazu ausdenken. Etwa, indem man insinuiert, der Diözesanbischof, der die Erscheinung als „übernatürlichen Ursprungs“ anerkannt hat, hätte seine Kompetenzen überschritten, weil er nicht die Glaubenskongregation gefragt hat (was er als zuständige kirchliche Autorität gar nicht mußte), oder gar nicht so genau wußte, was er da eigentlich tut, sondern nur dem „Druck der Straße“ nachgegeben habe (anderswo heißt es dafür, er sei ein Eiferer für die „Frau aller Völker“).

Damit sind wir auch gleich am casus cnaxus. Bei dem einen oder anderen Beitrag sind mir genau die Mechanismen aufgefallen, denen auch ich mich hingegeben habe. Was nicht sein darf, das nicht sein kann, will heißen: Weil mir die Sache suspekt war, habe ich sämtliche Argumente gesucht, die ich dagegen aufführen kann, aber nicht einen einzigen Versuch gestartet, das Phänomen zu verstehen (geschweigedenn mich mit konkreten Personen auseinandergesetzt).

Erst später (also vor drei, vier Jahren) habe ich versucht, die Sache mit der Corredemtrix positiv zu verstehen. Ja, das geht nicht leicht von der Hand, und es ist ziemlich advanced stuff. Aber tatsächlich steht die Miterlöserschaft Mariens in der Logik von Kreuz, Schrift und Tradition. (Das bestreitet auch nicht jeder, der ein Problem mit der „Frau aller Völker“ hat, unterstellt aber wohl, daß die „Frau aller Völker“ nicht in der Tradition zu verstehen sei. Mag sein, allein, mir fehlen dafür die klaren Argumente.)

Auszugehen ist davon, daß Marienfrömmigkeit, recht verstanden, immer zu Christus führt. Entsprechend gilt theologisch, daß Mariologie, wenn nicht sogar explizit, implizit christologisch ist und eschatologische und anthropologische Aussagen macht: In Maria ist vollendet, wozu wir noch nur berufen sind. Sie ist das unbestreitbare Vorbild, zu welcher Herrlichkeit der Mensch, jeder Mensch berufen ist. — Bei Jesus, der ja als wahrer Mensch unser eigentliches Vorbild sein sollte, könnte man immer relativieren, daß er ja zugleich wahrer Gott ist. Bei Maria bleibt uns gegenüber nur, daß sie auch vor der Konkupiszenz bewahrt wurde. Verglichen mit der Erbsünde (aus der das non posse non peccare, das Nicht-Nicht-Sündigen-Können folgt), von der wir in der Taufe befreit worden sind, ist das doch eher ein geringer Unterschied (nämlich der zwischen schon „posse non peccare“ [das nicht-sündigen Können, also die Möglichkeit, mit Hilfe der Gnade Gottes das Sündigen zu vermeiden] und noch nicht „non posse peccare“ [Nicht-Sündigenkönnen, also die Unmöglichkeit des Sündigens]).

Dieser eschatologische und anthropologische Aspekt der Mariologie kommt insbesondere im Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel zum Ausdruck. Im Gegensatz zur jahrhundertelang theologisch umstrittenen Bewahrung Mariens vor der Erbsünde, war dieses Dogma sachlich eigentlich mit dem Dogma von eben der Unbefleckten Empfängnis Mariens bereits gegeben, denn es hieß immer, wenn unbefleckt empfangen, dann auch mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen – weil unbefleckt empfangen. Daß es ausgerechnet wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa formal dogmatisiert wurde, darf man wohl durchaus so, nämlich eschatologisch und anthropologisch verstehen: Trotz all des maschinellen, ja sogar industriellen Abschlachtens und Vernichtens von Menschen und der völligen Mißachtung jeglicher Menschwürde und jeglichen Respektes vor den sterblichen Überresten von Menschen ist im Glauben daran zu erinnern, daß wir dazu berufen sind, als Menschen, das heißt mit Leib und Seele, in die ewige Herrlichkeit einzugehen – was in Maria bereits vollendet ist. (Hier hätte man übrigens auch schon argumentieren können: Die Himmelfahrt Christi reicht doch eigentlich voll und ganz. Tut sie rein formal-theologisch betrachtet auch. Aber ach, die Menschen, sie sind nicht so…)

In dieser Linie wäre die Miterlöserschaft Mariens so zu verstehen: Der Mensch ist berufen zur Kreuzesnachfolge. Er soll in seinen Leiden vollenden, was an den Leiden Christi noch fehlt – nicht qualitativ oder quantiativ (in diesen beiden Hinsichten ist das Leiden Christi vollkommen und genug), sondern im, ich nenne es mal: extensiven Sinne, d.h. in der Realisierung, in der Wirksammachung des aus dem Leiden Christi folgenden Heiles in der konkreten Situation, das eben auch im Ertragen, Erdulden, Erleiden, ja Ausleiden des Bösen, dem der Christ in seinem Leben begegnet (oder vielleicht besser: das dem Christen in seinem Leben begegnet), indem er sich in seinem Leiden mit den Leiden Christi verbindet, so daß das Leid im geistlichen Sinne verklärt wird.

Auch wenn es eigentlich schon dasteht: Entscheidend ist und bleibt hier das Leiden Christi, vom Kreuz Christi geht alle Kraft aus, das Leid in der Welt zu verklären. Die Welt ist aber nicht einfach heil. Vielmehr sind die Gläubigen dazu aufgerufen, die Schöpfung wieder auf Gott auszurichten. Das ist der wesentliche Gehalt des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen, das ein Anteilhaben am Priestertum Christi ist, und die Besonderheit des Priestertums Christi ist nuneinmal, am Kreuz Hoherpriester und Opfergabe zugleich zu sein.

Insofern ergibt auch das Andachtsbild Sinn: Durch Maria (als Vorbild für alle Glaubenden) kommt das Kreuz zur Welt, durch sie und ihr Mitleiden mit Christus, symbolisch ausgedrückt durch die Wundmale Christi, die Maria trägt, kommt das Heil des Kreuzes konkret in die Welt, ausgedrückt in den Strahlen, die von den Wundmalen ausgehen.

Ebenso ergibt aus dieser Perspektive das Gebet Sinn, das gerade das „jetzt“ betont: „Herr Jesus Christus, Sohn des Vaters, sende jetzt Deinen Geist über die Erde.“

Ich weiß natürlich nicht, ob alle Anhänger der „Frau aller Völker“ die Sache so sehen. Überhaupt habe ich lediglich eine oberflächliche Kenntnis des ganzen und habe auch hier nur nochmal an dieser Oberfläche gekratzt. Ich sehe allerdings aufgrund der mir vorliegenden Informationen auch keinen fundamentalen Widerspruch zwischen der Botschaft von der „Frau aller Völker“ und meiner Einordnung.

Mir geht es aber auch gar nicht um die Übernatürlichkeit der Erscheinungen oder die Richtigkeit des Gebetes oder der Titel, sondern um das Muster. Alles, was ich im Netz dazu gefunden habe, fällt (wenn man mal von Originaldokumenten absieht) entweder unter „Propaganda“ oder weist dieses „was nicht sein darf, das nicht sein kann“-Prinzip auf (was sich dann schon an Wortwahl und Stil zeigt). Stattdessen halte ich es lieber mit Gamaliël.

Allerdings denke ich, daß eine Dogmatisierung auch innerkirchlich auf soviel Unverständnis und Widerstand stoßen würde, daß sie reichlich inopportun wäre. Andererseits wirft die immer weiter fortscheitende und inzwischen gar Todsünden rechtfertigen wollende Leidensvermeidungsstrategie der abendländischen Kultur (oder was davon übrig ist) die Frage auf, ob sich nicht hieraus Sinn und Zweck des ganzen verstehen läßt. Das aber muß die Zeit zeigen.

Cannibal Corpse müssen noch etwas warten, ich will erst noch was anderes aufgreifen. Seitdem ich mit Maria ins Reine gekommen bin, reagiere ich etwas allergisch auf das, was vorher auch meine Sorgen waren – obwohl rein sachlich betrachtet die Sorgen ja nicht völlig falsch waren (nur halt eher vorgeschoben). Wie das halt so ist: Nach einer Bekehrung fällt der Bekehrte mitunter ins gegenteilige Extrem. Drum diesen Post bitte cum grano salis genießen.

Zwei Dinge sind mir in den letzten Jahren in der Blogoezese dermaßen aufgestoßen, daß ich auch über meine „Schweigenszeit“ hinweg sie nicht vergessen habe. Heute will ich erstmal auf das Fatima-Gebet eingehen, d.h. den Einschub ins Rosenkranzgebet.

Dazu habe ich auf verschiedenen Blogs Aussagen gelesen wie: „wurde zum Glück in meiner Gemeinde nicht gebetet“ oder „finde ich schrecklich“.

Eins vorweg: Wenn damit einfach nur eine persönliche Abneigung ausgedrückt werden soll – kein Ding! Das wäre eine reine Frage der persönlichen Frömmigkeit. Mir schien es aber das eine oder andere Mal mehr zu sein. Nämlich eine grundsätzliche Ablehnung dieses Gebetes, so im Sinne von „wie kann man nur“.

Damit hätte ich tatsächlich ein Problem, und zwar, weil dieses Gebet, nüchtern betrachtet ja jetzt nicht so sonderlich problematisch ist (also selbst mein „Häresiefinder“ nicht angeschlagen hätte):

O mein Jesus, liebevolle Anrede
verzeih uns unsere Sünden! beten wir in jedem Vater unser
Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle! Bitte, nicht verloren zu gehen
Führe alle Seelen in den Himmel, einzige mögliche Gefahr: Allversöhnung (ganz schön weit hergeholt, oder?)
besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. Fürbitte, für die, die sie am nötigsten haben, also geradezu Ausdruck von Feindesliebe

Ok, persönliche Vorbehalte von wegen „Feuer“, „Sünden“ und „Hölle“ – geschenkt. Hab vollstes Verständnis für jeden, der sich damit schwer tut, z.B. weil er dadurch Angst vor dem Scheitern bekommt (der Mensch ist leider nicht immer rational). Aber: Ich gehe in solcher Sprache geradezu auf (guckst Du Metal: Heaven and Hell, Fire in the Sky, Disciples of the Lie, „trapped in purgatory“ – um nur meine unmittelbarsten Assoziationen zu nennen), und ich hätte ein Problem damit, wenn mir das jemand verbieten wollen würde.

Wie gesagt: Das Gebet muß nicht jeder mögen und schon gar nicht zum Teil seiner persönlichen Frömmigkeit machen. Ich räume auch ein, daß manch einem dadurch der Rosenkranz sogar unzugänglich werden könnte. Aber ich denke – und das zuzugeben, da sollte keinem ein Zacken aus der Krone brechen -, das Problem ist eher subjektiv als objektiv begründet.

Leben und leben lassen – und nicht unnötigerweise ein Schibboleth draus machen.